Wie du im Stress präsent bleibst

Wie du im Stress präsent bleibst
Dass manchmal ein bisschen zu viel los ist, lässt sich wohl nicht vermeiden. Wichtig ist, wie wir mit Stresssituationen umgehen. Lassen wir uns völlig einnehmen oder gibt es vielleicht eine Möglichkeit, das Leben trotz Stress achtsam und intensiv wahrzunehmen?

Stress ist eine Volkskrankheit. Oder sollte ich sagen, das »Gestresstsein«? Denn in Wahrheit sind alle Situationen nur das, was wir aus ihnen machen. Es kann auch viel zu tun sein, ohne dass wir abwesend und unfreundlich werden. Wir können sogar lernen, Achtsamkeit und Präsenz zu üben.

Leider ist das selten der Fall. Kaum dass wir bemerken, es ist mehr zu tun, als wir leicht bewältigen können, schalten wir in einen anderen Modus um. Oft ist das ein destruktiver oder pessimistischer Modus. Sind dir nicht auch schon Menschen begegnet, die solche Aussagen getroffen haben:

  • Ich fühle mich zu gestresst, um achtsam und präsent zu sein. Am Ende des Tages weiß ich nicht, womit ich die ganze Zeit verbracht habe.
  • Ich fühle mich zu gestresst, um zu erkennen, was ich eigentlich will. Mir fehlt der Überblick über mein Leben.
  • Ich fühle mich zu gestresst, um das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Gerade dann, wenn das Unwichtige den Stress erzeugt.
  • Ich fühle mich zu gestresst, um all die Möglichkeiten wahrzunehmen, die mir begegnen. Im Stress wirken Möglichkeiten oft störend.
  • Ich fühle mich zu gestresst, um freundlich zu meinen Mitmenschen zu sein. Im besten Fall entschuldigt man sich nachher.
  • Ich fühle mich zu gestresst, um Begeisterung zu entwickeln. Stress und Trott sind eine destruktive Kombination.

Diese Situationen gilt es für mich unbedingt zu vermeiden. Während der jeweils erste Satz nicht allzu unbekannt scheint, schreckt mich der zweite Satz direkt ab. Nicht zu wissen, womit man seine Zeit verbringt? Neue Möglichkeiten sind im Stress störend? Dazu darf es nicht kommen.

Du bist sehr eilig, meiner Treu! Du suchst die Tür und läufst vorbei.

– Johann Wolfgang von Goethe

Dass ab und zu ein bisschen zu viel los ist, lässt sich wohl nicht vermeiden. Ich habe das Gefühl, wichtige Ereignisse sind »Rudeltiere«. Aber das bedeutet nicht, dass wir diese wichtigen Ereignisse nicht mit derselben Präsenz und Aufmerksamkeit erleben können, wie jede andere Zeit. Hier kommt die Quintessenz dieses Artikels. Wenn du nur einen einzigen Satz aus all meinen Artikeln in dein Leben lässt, dann soll es dieser sein:

Das Leben ist viel zu wertvoll, um es nicht intensiv und aufmerksam zu erleben.

Ich finde es schlimm, dass Menschen Tage, Wochen oder Monate lang nicht bewusst leben. Aber es passiert mir auch immer wieder. So sehr ich mich bemühe, achtsam und präsent zu sein – ab und zu gibt es Tage, an deren Ende ich kaum weiß, womit ich die ganze Zeit verbracht habe.

Das ist wirklich schade, denn woran spüren wir, dass wir leben, wenn nicht daran, dass wir den aktuellen Moment voll und ganz in uns aufnehmen? Vielleicht hat diese Unachtsamkeit oft mit Arbeit zu tun. Wir reden uns ein, zumindest finanziell für die Zeit, in der wir nicht (richtig) gelebt haben entlohnt zu werden.

Aber kann es einen Preis für Zeit geben, die wir nicht achtsam und präsent erlebt haben? Wenn wir die Zeit achtlos verstreichen lassen, bringt uns alles Geld der Welt nichts. Was wir dann brauchen ist ein Zen-Meister, der uns mit einem Bambusstock auf die Finger schlägt und fragt, ob wir denn verrückt seien.

Das bedeutet aber nicht, dass niemand arbeiten darf – ganz bestimmt nicht. Es bedeutet auch nicht, dass wir stressige Zeiten um jeden Preis vermeiden müssen. Aber wir sollten lernen, auch diese Zeiten präsent und achtsam zu erleben.

Hier sind ein paar Möglichkeiten, wie ich mit solchen Situationen umgehe:

  • Ich finde Orte und/oder Zeiten der Erdung. Es wäre natürlich einfach, wenn das die tägliche Meditation wäre. Oder die täglichen zehn Minuten Dankbarkeit zu Mittag. Leider gibt es Zeiten, in denen diese Gewohnheiten unter den Tisch fallen. Deshalb ist es wichtig, zumindest empfänglich für Orte oder Zeiten zu sein, die dich erden können. Schütte zum Beispiel den Kaffee nicht einfach so hinunter, sondern erinnere dich, ihn langsam und achtsam zu genießen. Bestenfalls unterbrichst du währenddessen sogar alle anderen Tätigkeiten.
  • Ich unterscheide Stress von Ärger. Viele Menschen werden sehr unfreundlich, wenn sie überfordert sind. Ich versuche, Stress von meinen persönlichen Werten zu trennen. Es mag viel los sein, Zeit für Bitte, Danke, einen herzhaften Lacher oder ein Kompliment ist aber immer. Stress und Ärger sollen nicht einfach zu einem Gefühl verschmelzen. Ich gebe mir Mühe, zu differenzieren. Ansonsten kann Stress nur negativ wirken.
  • Ich nehme wahr, dass ich mich in einer Ausnahmesituation befinde. Überhaupt festzustellen, dass gerade viel los ist, ist ein wichtiger Schritt. Du kannst dir eine stressige Zeit wie eine Straße vorstellen, auf der reger Verkehr herrscht. Wenn wir wahrnehmen, dass wir gerade etwas überfordert sind, stellen wir uns an den Straßenrand und blicken von außen auf das Geschehen. Wenn wir uns aber vom Stress einnehmen lassen, dann sind wir mittendrin und werden vom Verkehr hin– und hergejagt.
  • Ich versuche, daraus zu lernen. Das Mindeste ist, zu lernen, wie man den Stress nächstes Mal oder auf Dauer vermeiden kann. Dazu gehört beispielsweise zu lernen, Nein zu sagen. Darüber hinaus, gibt es aber so viele Erfahrungen, die wir machen können. Wir lernen, wie wir selbst und andere Menschen mit solchen Situationen umgehen. Wir lernen möglicherweise sogar, schneller oder konzentrierter zu arbeiten. Wir eignen uns neue Problemlösungsfähigkeiten an und wir lernen, in stressigen Situationen achtsam und gelassen zu bleiben.

All das ist natürlich leichter gesagt, als getan. Wenn alle Stricke reißen, dann erinnere dich zumindest daran, dass nichts und niemand das Recht hat, dir die Präsenz in deinem eigenen Leben zu verwehren. Stress ist eine Frage des Umgangs.

Wie machst du das?

Wie gehst du mit stressigen Zeiten um? Bleibt dann in deinem Leben einfach alles liegen, bis du wieder einen klaren Gedanken fassen kannst? Fragst du dich dann, was du eigentlich mit all der Zeit angestellt hast? Deine Erfahrungen interessieren mich und ich freue mich über einen Kommentar.

Artikel von Dominik Radl



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