Prokrastination, oder: warum wir lieber putzen als unsere Arbeit zu erledigen

Prokrastination, oder: warum wir lieber putzen als unsere Arbeit zu erledigen
Liest du diesen Artikel, weil du gerade Zeit hast? Oder hast du dich gerade wieder im Internet verloren, obwohl eine wichtige Aufgabe ansteht? Nichts für ungut, so geht es vielen Menschen, man nennt dieses Verhalten Prokrastination.

Vielleicht kennst du diese Situation: Auf deiner To–Do Liste steht eine Aufgabe. Du weißt, dass du diese Aufgabe als nächstes erledigen musst. Aber aus irgendeinem Grund schaffst du es nicht, zu starten.

Da fällt dir plötzlich ein, dass du jemanden anrufen musst, dass deine Stifte eigentlich nicht unsortiert herumliegen sollten und dass der Schreibtisch nicht ganz sauber ist. Facebook, Instagram und Twitter kommen da natürlich gelegen. Sie sind perfekte Prokrastinations–Partner.

So kann es passieren, dass du zwar den ganzen Tag lang Dinge erledigt hast, aber diese eine, wichtige Aufgabe auf deiner To–Do Liste unbearbeitet ist. Wie kann es sein, dass uns dieses Phänomen so lange und so oft aufhält?

Suche nach Erfolgen

Wir schieben Aufgaben immer dann vor uns her, wenn wir Angst oder Unbehagen vor ihrer Ausführung haben. Du magst vielleicht denken, dass du keine Angst vor deinen Aufgaben hast, das wäre ja lächerlich. In Wahrheit ist es aber oft diese Angst, die uns davon abhält, die Aufgabe zu beginnen.

Mit Angst meine ich nicht die Furcht vor der Aufgabe selbst. Ich meine dieses Unbehagen vor etwas, das vor dir liegt. Du weißt nicht genau, wie du starten sollst, wie du mit dieser Aufgabe zurechtkommen sollst. Oder du weißt zwar, wie du starten müsstest, weißt aber auch, wie unangenehm und anstrengend diese Aufgabe ist – vielleicht weil du das vom letzten Mal weißt.

So kommt es, dass wir die Erledigung dieser Aufgabe immer weiter aufschieben. Manchmal lenken wir uns mit unproduktivem Zeitvertreib wie sozialen Netzwerken oder Fernsehen ab. Manchmal – und das finde ich sehr spannend – lenken wir uns absichtlich mit Aufgaben ab, die wir ansonsten unangenehm finden würden.

Wer sich vor einer Aufgabe drückt, findet es plötzlich gar nicht so schlimm, den Müll rauszubringen, die Wohnung zu putzen oder ein anderes Problem, das ihn schon lange gestört hat, zu lösen. Wichtig ist, dass es jetzt sofort passiert und einen unmittelbaren Erfolg darstellt.

Die Wohnung ist sauber, nachdem du sie geputzt hast, der Müll ist weg. Die Glühbirne ist getauscht, die Klopapierrolle ersetzt, das Olivenöl gekauft, der Facebook–Status aktualisiert – nur die eigentlich Aufgabe ist nicht erledigt.

Das Problem an der Prokrastination ist, dass die Aufgabe nie erledigt sein wird, wenn wir nicht aktiv etwas dafür tun. Das kann den Einen oder Anderen auch wirklich in Schwierigkeiten bringen. Es belastet, fühlt sich nicht gut an, erzeugt Stress und Probleme.

Darin liegt auch der Unterschied zum Parkinsonschen Gesetz. Dieses besagt, dass Arbeit sich in genau dem Maß ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.

Deshalb dauern Projekte, die »etwa drei Monate« dauern dürfen, genau drei Monate. Dadurch ist es aber auch möglich, die wichtige Arbeit an der Universität in zwei Tagen zu schreiben, obwohl alle anderen zwei Wochen dafür brauchen.

Nicht, dass das gesund oder erstrebenswert wäre, aber wieviele Studenten haben es schon geschafft, die letzten Nächte durchzuarbeiten und dabei ein Arbeitsvolumen zu bewältigen, für das sie normalerweise ein Vielfaches der Zeit gebraucht hätten?

Prokrastination kann Teil dieses Gesetzes sein. Die Arbeit so lange aufschieben, bis wirklicher Stress entsteht, die Arbeit dann aber in der noch zur Verfügung stehenden Zeit erledigen. Prokrastination an und für sich wird aber niemals dazu führen, die Aufgabe zu erledigen. Sie kann dich in eine derartig unangenehme Lage bringen, dass du von dir aus die Aufgabe erledigst.

Prokrastination achtsam überwinden

Es gibt eine Menge Ansätze, Prokrastination zu überwinden, wie es auch viele Möglichkeiten gibt, Nichtraucher zu werden oder regelmäßig Sport zu treiben.

Einige davon haben mit Disziplin zu tun, einige mit Umprogrammierung von Verhaltensmustern, andere mit Hypnose oder Schocktherapie.

Ich bin ein Freund der sanften Methoden, die von innen kommen. Ich versuche, achtsam die Prokrastination zu überwinden. Das bedeutet, dass ich dieses Verhalten erkenne und anerkenne, dass ich es sein lasse, was es ist und dass ich es dann gehen lasse. Das funktioniert nicht immer, aber immer besser, je achtsamer ich bin.

  1. Sei bereit, zu fühlen. Bringe dich in einen Zustand, in dem du für deine eigenen Gefühle empfänglich bist. Höre in dich hinein und achte darauf, was dein Geist tut. Sei aufmerksam und feinfühlig.
  2. Fühle den Drang, dich abzulenken. Das ist der Punkt, an dem es meistens schon zu Ende ist. Dieser Drang, etwas Anderes zu tun, sich jetzt nur nicht mit der Aufgabe zu beschäftigen, entsteht. Meistens geben wir diesem sofort nach und suchen uns eine Ablenkung. Wir sind Meister, uns selbst davon zu überzeugen, dass etwas Anderes jetzt wichtiger ist. Ich meine, wie soll ich denn diese Aufgabe erledigen, wenn ich nicht mein Bett gemacht habe?
  3. Bleibe bei dem Drang. Wenn du den Drang erkannt hast, dann fühle dich in ihn hinein. Was tut er mit dir? Welche Gedanken kommen und wie beeinflussen sie dich? Akzeptiere den Drang als Teil von dir und versuche, ihm weder nachzugeben, noch ihn abzustoßen. Nimm den Drang einfach als solchen wahr, damit machst du einen riesigen Schritt. Die meisten Menschen nehmen den Drang gar nicht wahr, sondern handeln nur danach.
  4. Der Drang kommt und geht. Wie ein Unwetter zieht der Drang auf und entwickelt sich langsam. Dann wird er stärker, er zieht dich förmlich in Facebook oder Instagram. Wenn du wahrnimmst, dass er da ist, wird er auch wieder abklingen.
  5. Mach den ersten Schritt deiner Aufgabe. Jetzt ist der Punkt, an dem du den großen Unterschied machen kannst. Dieser Schritt entscheidet darüber, ob du die Prokrastination Herr über dich werden lässt, oder ob du eigenständig und produktiv arbeitest. Mach den ersten Schritt. Fang klein an. Erledige den allerersten Schritt, der zur Erledigung deiner Aufgabe führt. Ehrlich, dieser Schritt ist am schwersten, aber er macht den Unterschied.

Prokrastination nicht aufkommen lassen

Mit Prokrastination umgehen zu können, ist eine wertvolle Fähigkeit. Ich gerate oft mehrmals täglich in Situationen, in denen ich mich eigentlich mit anderen Tätigkeiten ablenken will. Manchmal passiert mir das auch und nach Stunden merke ich, dass ich zwar gearbeitet, aber nichts weitergebracht habe.

Es gibt ein paar Möglichkeiten, die helfen, diesen Zustand nicht aufkommen zu lassen. Ich bin darin kein Meister und arbeite auch nicht in einer geräuschlosen Kuppel oder einem Raum ohne Möbel. Aber diese Punkte haben mir in der Vergangenheit geholfen, den ersten Schritt einer Aufgabe zu machen:

  • Fokussiertes, reduziertes Umfeld. Je mehr Einflüsse sich um deinen Arbeitsbereich befinden, desto eher werden sie dich ablenken. Mein Computer ist ablenkungsfrei eingerichtet – Keine Desktopsymbole, keine Programme im Dock, keine losen Dateien, die überall herumkugeln. Benachrichtigungen von Netzwerken lasse ich nicht zu. Das E–Mail Programm schließe ich, wenn ich produktiv arbeite.
  • Soziale Netzwerke und andere Ablenkungen aus der Sicht verbannen. Auch mein iPhone ist sehr minimalistisch aufgesetzt. Ich habe nur eine Seite, die halbvoll mit Ordnern ist. Darin sind die wichtigsten Apps. Kürzlich habe ich aber eine Veränderung gemacht, die sehr sinnvoll war. Ich habe alle sozialen Netzwerke auf eine separate Seite verbannt. Damit sind sie nicht permanent in meinem Blickfeld und die automatisierte Fingerbewegung, die App zu öffnen verschwindet.
  • Regeln aufstellen, Ablenkungen Raum geben. Wenn du gewisse Zeiten für bewusste Ablenkungen festlegst, fällt es dir leichter, während der restlichen Zeit produktiv zu sein. Jedes Mal, wenn du Facebook öffnen, oder ziellos im Internet surfen willst, weißt du, dass später ein geplanter Zeitraum dafür da ist. Jetzt ist Zeit zum Arbeiten!
  • Aufgaben klug unterteilen. Unterteile deine Aufgaben gleich zu Beginn, sodass sie nicht unüberwindbar groß wirken. Mach den ersten Schritt so klein wie möglich. Wenn du einmal dabei bist, fällt es auch leichter, dabei zu bleiben.
  • Unmittelbare Belohnung festlegen. Die Aufgaben, die uns ablenken, versorgen uns meistens mit dem unmittelbaren Gefühl, etwas vollbracht zu haben. Vielleicht hilft es dir, dieses Gefühl durch eine Belohnung zu erzeugen. Manche Arbeiten zeigen keine unmittelbaren Erfolge, dann kannst du dir beispielsweise einen Kaffee versprechen, wenn du eine Aufgabe erledigt hast.
  • Üben, üben, üben. Wir alle haben viel zu tun. Das bedeutet, dass wir mehrmals täglich damit konfrontiert sind, eine Aufgabe zu erledigen. Privat oder in der Arbeit. Jedes Mal, wenn du es schaffst, dich mit dem Drang, dich abzulenken, auseinanderzusetzen, wächst du ein bisschen. Du wirst dir nächstes Mal leichter tun. Betrachte jede Aufgabe als Übung, die dich produktiver macht und dir hilft, Prokrastination zu überwinden.

Prokrastinierst du?

Kennst du dieses Verhalten von dir selbst? Wie gehst du damit um, wenn plötzlich irgendetwas viel wichtiger erscheint, als die Arbeit, der du eigentlich nachgehen solltest? Schreib mir doch einen Kommentar, mich interessieren deine Erfahrungen.

Artikel von Dominik Radl



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