Was es bedeutet, weniger zu tun

Was es bedeutet, weniger zu tun
Ich will dir zwei einfache Fragen stellen. Die erste lautet: Was hast du heute noch vor? Diese Frage ist sicher leicht beantwortet. Du hast wahrscheinlich noch eine ganze Menge vor. Arbeiten, einkaufen, kochen, aufräumen oder fernsehen. Die zweite Frage lautet: Wann hast du das letzte Mal absolut nichts gemacht? Gar nicht so einfach oder?

Im letzten Artikel habe ich darüber geschrieben, was es bedeutet, Wenig zu wollen. Ich habe mich zwar hauptsächlich auf Produkte bezogen, aber auch erwähnt, dass weniger Termine und Verpflichtungen mehr Freiheit und Freizeit bedeuten.

Jetzt möchte ich dir zeigen, was es bedeutet, weniger zu tun. Ich bin eine Person, die sich wohl fühlt, wenn alle Termine ungefähr geregelt und in einen Kalender eingetragen sind. Das gibt mir einen Überblick über den Tag und ich kann mich darauf einstellen.

Leider bemerke ich, dass mit dieser Planung auch die Versuchung einhergeht, den ganzen Tag zuzupflastern. Oft verplane ich jede freie Minute mit Aktivitäten – diese müssen gar nicht stressig oder unangenehm sein – nur um am Ende des Tages zu bemerken, dass ich eigentlich keine Minute nichts getan habe.

Eigentlich war ich immer schon ein Freund davon, eher zu viel als zu wenig Zeit zu haben. Deshalb versuche ich bewusst, diesem Bedürfnis nachzukommen. Ich nehme mir schon seit Jahren morgens genug Zeit, um aufzuwachen und nicht gleich außer Haus eilen zu müssen. Wenn ich gerade eine Aufgabe abgeschlossen habe, freue ich mich, kurz zu verweilen und nicht gleich die nächste zu beginnen.

Meiner Meinung nach ist das aber nicht nur eine persönliche Vorliebe. Ich sehe im Nichtstun eine Möglichkeit, den allgemeinen Stresslevel zu reduzieren und ein entspannteres Leben zu führen.

Das Problem mit unserem Alltag

Egal ob berufstätig, arbeitslos, mit oder ohne Kinder – wir tun immer irgendetwas. Selbst wenn gerade keine wichtige Aufgabe ansteht vertreiben wir uns die Zeit mit fernsehen, sozialen Netzwerken oder Telefonaten.

Dadurch haben wir immer das Gefühl, etwas zu tun zu haben. Vielleicht mag sich das auf der einen Seite anfühlen, als würden wir etwas weiterbringen und gebraucht werden. Auf der anderen Seite sorgt es aber dafür, dass wir immer mehr oder weniger aktiv sind.

Diese ständige Suche nach Beschäftigung erzeugt innerlich einen gewissen Stress. Auch wenn wir das Gefühl haben, entspannt zu sein, zum Beispiel beim Fernsehen, dann arbeitet unser Gehirn. Manchmal, in längeren Urlauben, fühlen einige Menschen, endlich wirklich entspannt zu sein. Dieser Zustand hält dann jedoch meistens nicht länger als ein paar Tage an.

Warum wir immer etwas zu tun haben

Ich denke, das Bestreben, jede Minute des Tages zu füllen und nie untätig gewesen zu sein resultiert aus Ängsten. Die übermäßige Konsumation sozialer Medien oder des Fernsehens hat wohl den selben Grund. Zu behaupten, man hätte keine Zeit dafür, nichts zu tun, ist wohl auch oft eine Ausrede.

Mit Ängsten meine ich Folgendes: Das bewusste Nichtstun zwingt uns dazu, uns zu spüren. Wir müssen uns mit uns selbst beschäftigen, ohne uns ablenken zu können. Wir sind mit der Essenz unseres Daseins konfrontiert. Bevor wir uns jedoch damit beschäftigen, was oder wer wir wirklich sind, lenken wir uns lieber ab.

Allerdings birgt diese Aufgabe auch die Möglichkeit, Frieden mit dir zu schließen und dich als der Mensch anzuerkennen, der du bist. Du bist nicht die Serie, die du dir ansiehst, nicht die Bücher, die du liest, nicht die Menschen, deren Bilder dir gefallen. Du bist du und beim Nichtstun bleibt dir nichts anderes, als du selbst.

Die Angst, mit sich selbst allein zu sein ist aber nicht der einzige Grund, warum wir unseren Alltag zwanghaft füllen. Nichts zu tun bedeutet nicht, dass nichts passiert.

Das Potential des Nichts

Kenya Hara, einer der einflussreichsten, modernen Designer Japans schreibt in seinem Buch »Weiß«:

Ein kreativer Geist betrachtet ein hohles, leeres Gefäß nicht als wertlos, sondern als ein Übergangsstadium, als ein Anzeichen dafür, dass es irgendwann einmal befüllt werden wird. Weiß ist sehr eng mit dieser kommunikativen Kraft des leeren Raums beziehungsweise der Leere verbunden.

– Kenya Hara

Diese kommunikative Kraft, dieses Potential und die Spannung, die dadurch entsteht, wohnt auch dem Nichtstun inne.

Irgendwann habe ich im Spaß gesagt, dass die meisten positiven Dinge in meinem Leben ohne mein Zutun passiert sind. Insofern müsste ich eigentlich nicht mehr tun, als darauf zu warten, dass etwas Positives passiert. So absurd das klingen mag – je länger ich darüber nachdenke, desto mehr bemerke ich, dass diese Annahme nicht so falsch sein kann.

Wie es sich anfühlt, weniger zu tun

Im Tao Te King, einer Sammlung von Schriften, die angeblich von Laotse, dem Begründer des Taoismus, stammt, wird ein Konzept namens Wu Wei beschrieben. Dabei handelt es sich um bewusstes Nichtstun. Wobei Nichtstun nicht bedeutet, niemals irgendetwas zu tun, als viel mehr dafür bereit zu sein, das, was kommt, anzunehmen.

Möglicherweise ist das eine Beschreibung dessen, was ich gemeint habe, als ich gesagt habe, die besten Sachen in meinem Leben seien ohne mein aktives Zutun passiert. Vielleicht habe ich nur erkannt, wann es soweit war und dann instinktiv die Chance ergriffen.

Dich nicht ständig abzulenken zwingt dich dazu, Zeit mit dir selbst zu verbringen. Das ist eine Erfahrung, die ich jedem Menschen wünsche. Wenn du eine Zeit lang nur dich hast, lernst du dich wesentlich besser kennen. Das kann anfangs sehr unangenehm sein. Du erfährst Gefühle und Gedanken, die du von dir nicht kennst. Aber genau darin liegt das Potential – sei offen, dich selbst kennenzulernen.

Es ist, als wenn du immer Kaffee mit Milch, Zucker und Schaumhäubchen trinkst und plötzlich bleibt der Espresso über. Zuerst bist du aufgrund des intensiven Geschmacks verstört. Du bist gezwungen, Eindrücke wahrzunehmen, die du nicht kennst. Wenn du aber lernst, die feinen Nuancen zu schätzen und dich mit ihnen anfreundest, schlägst du einen sehr interessanten Weg ein. Damit meine ich sowohl dich selbst, als auch Espresso.

Wie geht es weiter?

Dieser Artikel ist der erste von zweien, die das Thema »Nichtstun« behandeln. Im zweiten Artikel beschreibe ich, wie du das Nichtstun in deinen Alltag integrieren kannst und wie du mit dem unangenehmen Gefühl, unproduktiv zu sein, zurecht kommst. Wenn du erinnert werden willst, wenn der zweite Artikel erscheint, abonniere doch den Newsletter.

Hast du Erfahrungen mit dem Nichtstun? Wenn du ehrlich darüber nachdenkst, sind dir schon positive Dinge widerfahren, obwohl, oder gerade weil du sie nicht forciert hast? Wenn du jemanden kennst, der jede Sekunde seines Tages füllen muss, um sich gut zu fühlen, leite der Person doch diesen Artikel weiter – vielleicht hilft es, Entspannung zu finden.

Artikel von Dominik Radl



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