Kind bleiben – Eigenschaften, die du als Erwachsener vielleicht verloren hast

Kind bleiben – Eigenschaften, die du als Erwachsener vielleicht verloren hast
Kinder sind die besseren Erwachsenen. Sie sind einfach in so vielen Dingen besser als wir. Sie sind aufrichtig, ehrlich, spontan, direkt, witzig, begeisterungsfähig und neugierig. Ihnen scheinen von Natur aus Eigenschaften inne zu wohnen, die im Laufe ihrer Entwicklung oft verloren gehen.

In der Rolle des Erwachsenen (oder zumindest des Älteren) sind wir immer bemüht, Jüngeren etwas beizubringen. Offenbar funktioniert so die logische Entwicklung. Wenn wir aber genau hinsehen, werden wir feststellen, dass Kinder einige Eigenschaften haben, die uns oft fehlen.

Manche Eigenschaften verlieren wir, weil wir das unbedingt wollen. Wir wollen nicht kindisch, naiv oder unwissend sein. Andere Eigenschaften verlieren wir aus einer Konsequenz daraus. Wir verlernen, neugierig oder spontan zu sein.

Ich denke, dass es sinnvoll ist, den Spieß ab und zu umzudrehen. Ich denke, dass Erwachsene viel von Kindern lernen können. Ich denke, dass Lehrer viel von ihren Schülern lernen können. Ich denke, dass Unternehmer viel von ihren Kunden lernen können und ich denke, dass Stärkere viel von Schwächeren lernen können.

Was wäre, wenn wir eine Zeit lang versuchen würden, mehr Kind zu sein? Wie würde sich unser Leben verändern, wie würden sich unsere Einstellungen zu unterschiedlichen Themen verändern?

Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, mehr Kind zu sein. Hier sind einige Punkte, die dich deinem inneren Kind vielleicht etwas näher bringen.

Verabschiede dich von dem Gedanken, alles zu wissen

Wenn uns ein Kind fragt, warum der Himmel blau ist, dann haben wir als Erwachsene das Gefühl, es wissen zu müssen. Egal welche Frage ein Kind stellt, wir als Erwachsene wissen darauf eine mehr oder weniger sinnvolle Antwort.

Woher nehmen Kinder ihre Antworten, wenn wir sie ihnen nicht geben? Sie versuchen, es herauszufinden. Sie erleben ihr Umfeld, sie fühlen und schmecken. Vielleicht muss man erstmal eine Handvoll Sand essen, um zu bemerken, dass er aus lauter kleinen Steinchen besteht, die nicht gut schmecken.

Der Zen–Buddhismus spricht vom »Anfänger–Geist«. Wenn du aufhörst zu denken, dass du alles weißt, dann beginnst du, neugierig und abenteuerlustig zu werden. Du lernst viel mehr und auf völlig anderen Ebenen. Kinder wissen das, ohne japanische Texte zu lesen.

Lerne, dich für alles zu begeistern

Ich habe bemerkt, dass Erwachsene oft das Bedürfnis haben, Begeisterung wegzurationalisieren. Es scheint nicht professionell oder seriös zu sein, sich über Kleinigkeiten zu freuen – sich zu freuen »wie ein kleines Kind«.

Ein Kind kann sich für nahezu alles begeistern. Es hat Freude, wenn es mit einem Kübel Wasser und ein paar Steinen spielt und es hat Freude, wenn es mit anderen Kindern einfach nur herumläuft. Diese Begeisterungsfähigkeit ist so wichtig.

Mit Begeisterung geht Kreativität und Glück einher. Versuch es doch einmal. Wenn dir etwas ein bisschen Freude bereitet, gerade wenn es alltäglich und selbstverständlich ist, dann lass zu, dich richtig darin zu verlieren. Plansche ein bisschen, wenn du das nächste Mal Geschirr abwäscht oder drücke mit Worten und Gesten aus, wie gut dir das Essen schmeckt, auch wenn dein Gesicht nachher voller Tomatensauce ist.

Sei ehrlich

Kinder sind ehrlich. Das tut oft weh. »Warum schaust du so komisch aus?« – Autsch. »Du hast einen viel dickeren Bauch als mein Papa.« – Schon wieder. »Du hast eine voll große Nase.« – Ok, das soll gut sein?

Es mag sich unangenehm anfühlen, aber von dieser erbarmungslosen Ehrlichkeit können wir viel lernen. Kinder drücken das aus, was sie fühlen. Wir fühlen das auch, aber drücken es nicht aus. Das bedeutet, Kinder sind authentischer als Erwachsene. Sie stehen dazu, was sie fühlen, sehen und denken.

Ich meine auch nicht, dass wir ab jetzt jede unangenehme Kleinigkeit aussprechen müssen, sondern dass wir ein bisschen mehr in Einklang mit unseren Gefühlen, Gedanken und Einstellungen handeln (und sprechen) sollten.

Sei neugierig

Kinder lernen unglaublich schnell. Sie lernen aber auch unglaublich einfach. Sie begeistern sich für vieles und finden alles interessant. Vielleicht kennst du diesen Wissensdurst von deinem Hobby. Du möchtest alles darüber wissen und alles lernen.

Versuche doch einmal, dich nicht gegen Dinge zu verwehren, die du »uninteressant« findest. Du hast irgendwann beschlossen, manche Dinge uninteressant zu finden. Wie wäre es, diese Konvention einfach aufzuheben und ab jetzt alles interessant zu finden?

Mach es wie die Kinder und lerne, lerne, lerne. Nicht weil du musst, sondern weil du so neugierig bist. Du möchtest alles wissen, du findest alles interessant und du kannst alles erreichen.

Lass Spaß zu

Für Erwachsene ist Spaß in vielen Situationen einfach nicht angebracht. Spaß haben kann man zu festgelegten Zeiten. Beim Ausgehen am Abend, oder bei einem witzigen Film. Wenn man schon ein bisschen getrunken hat, oder jemand einen guten Witz erzählt.

Kinder können immer Spaß haben. Sie können im kältesten Regenwetter Spaß dabei haben, in Lacken zu springen. Sie können Spaß beim Zeichnen, Spielen und Sprechen haben. Sie lassen den Spaß einfach zu.

Wir müssen nicht immer streng mit uns sein. Fühle in dich hinein und erkenne, wann du ehrlich Spaß hast. Ist dir dein Teller mit dem Abendessen zu Boden gefallen? Mist, jetzt musst du vielleicht etwas Neues kochen aber wie witzig sehen deine Füße voller Essen aus? Trau dich, zu lachen, trau dich, nicht immer ernst zu sein und trau dich, Situationen humorvoll zu sehen.

Lerne, zu vergeben

Kinder können streiten. Sie können enttäuscht, beleidigt und verletzt sein. Das können Erwachsene auch. Womit wir uns aber wesentlich schwerer tun als Kinder, ist das Vergeben. Hand schütteln, sagen, dass es einem leid tut und alles ist wieder in Ordnung.

Natürlich ist nicht immer alles so leicht zu regeln, aber oft ist uns einfach unser Ego im Weg. Was hält uns davon ab, zu sagen, dass es uns leid tut? Wieviel Zeit möchtest du verschwenden, wieviel Energie möchtest du in Wut und Ärger investieren, nur um später zu bemerken, dass es auch viel einfacher ginge. Jedes Kind kann das.

Sei aktiv

Kinder sind immer auf den Beinen. Das tut ihnen auf vielen Ebenen gut. Uns würde das auch gut tun, aber aus irgendeinem Grund sitzen wir den ganzen Tag. Wir sitzen an Schreibtischen und wir sitzen bei Computern, wir sitzen in der Schule oder Universität, wir sitzen beim Fernsehen und sitzen beim Essen.

Die Freizeitbeschäftigungen von Kindern sind wesentlich aktiver als unsere – zumindest im Allgemeinen. Kinder lieben nichts mehr, als herumzutollen, sich zu verstecken, mit dem Fahrrad zu fahren, zu laufen, zu springen, zu tanzen, kurz – aktiv zu sein.

Anstatt dieses Verhalten als nervtötend oder anstrengend zu sehen, könnten wir zumindest versuchen, mitzuhalten. Bewege dich mehr, wäge nicht jedes Mal ab, ob es sich auszahlt, aufzustehen. Bewege dich, ohne darüber nachzudenken. Es ist ok, Wege mehrmals zu gehen, wenn man nicht mehr auf einmal tragen kann. Es ist ok, das Auto etwas weiter entfernt zu parken. Es ist ok, zu Fuß einkaufen zu gehen.

Schlafe gut

Jede Aktion erfordert eine Reaktion. Kinder bewegen sich nicht nur viel, sie schlafen auch entsprechend gut. Schlafen ist keine untätige Verschwendung von Lebenszeit. Schlafen ist ein Zustand, der geheimnisvoll und regenerierend ist.

Sorge dafür, dass du aktiv bist, sorge aber auch dafür, dass du gut schläfst. Im Schlaf verarbeiten nicht nur Kinder das Erlebte. Lass deinen Schlaf nicht unter Smartphones und anderen Ablenkungen leiden. Wertschätze ihn und errichte ein Umfeld, in dem du stressfrei und entspannt schlafen kannst.

Mach mehr von dem, was dich glücklich macht

Wenn es nach den Kindern gehen würde, bestünde die Welt aus Spielen, Lachen, Tanzen, Laufen und Schlafen. Wie großartig wäre denn das? Kinder verbringen jede freie Minute damit, etwas zu tun, das sie lieben – und sie bekommen nie genug davon. Sie können ihr Lieblingslied 20 Mal in Folge hören. Sie können stundenlang tanzen, lachen, küssen und kuscheln. Sie können gar nicht oft genug sagen, dass sie dich lieb haben und es auch nicht oft genug hören.

Manchmal erscheint es mir so, als würden Erwachsene sich alle Mühe geben, ihre freie Zeit möglichst schnell vergehen zu lassen. Sie schauen viel fern und hängen in digitalen Netzwerken ab. Weißt du überhaupt, was dir wichtig ist und was du am liebsten tust?

Wenn Ja, dann sorge mit aller Kraft dafür, mehr davon tun zu können und so oft wie möglich glücklich zu sein. Wenn nicht, dann lerne dich besser kennen. Fühle in dich hinein. Verbringe ein paar Wochen ohne Fernsehen und reduziere dein Handy auf eines, das nur telefonieren kann. Begrenze deine Zeit am Computer und setze dich mit dir selbst auseinander.

Mach öfter Fehler

Wir sind immer bestrebt, möglichst keine Fehler zu machen. Fehler werden bestraft. Fehler sind schlecht. Fehler sind verboten und wir sollten einfach keine machen.

Oft werfen uns Fehler ein Stück zurück. Das kann schon einmal passieren. Fehler sind aber eine wunderbare Quelle für neue Erkenntnisse, wenn wir sie als solche betrachten. Wir können aus Fehlern so viel mehr lernen, als aus Erfolgen.

Wenn ein Kind gehen lernt, dann steht es zuerst und lässt sich dann ganz leicht nach vorne kippen, um sich aufzufangen. Das ist der erste Schritt. Wenn das Kind fällt, dann hat es den Schwerpunkt falsch verlagert.

Jetzt kommt aber das Irre: Ein Kind weiß genau, wieviel Gewicht es nach vorne verlagert hat und wird genau dieses Gewicht nicht mehr verwenden. Nächstes Mal wird es etwas weniger oder etwas mehr sein. Das ist ein Paradebeispiel dafür, wie Kinder aus scheinbaren Fehlern lernen, ohne es zu wissen.

Fehler zu vermeiden bedeutet Chancen zu vermeiden. Fehler ganz zu vermeiden ist nicht möglich. Lass dich öfter auf neue Situationen ein, auch wenn es sein kann, dass du Fehler machst. Möglicherweise bringen dich diese in eine unangenehme Situation. Habe den Mut, für deine Fehler gerade zu stehen und die Intelligenz, aus ihnen zu lernen.

Bist du bereit?

Stell dir manchmal folgende Fragen:

Wenn ich kein Geld verdienen müsste, keine Rechnungen, Miete und Steuern bezahlen müsste, was würde ich dann am Liebsten machen? Wofür würde mein Herz schlagen, was würde mich begeistern, wobei wäre ich so glücklich wie ein Kind in der Sandkiste?

Wenn ich wüsste, dass mir niemand zusieht, dass mich niemand beurteilt, dass es kein Gut und Schlecht, Sinnvoll und Sinnlos gibt, was würde ich dann machen? Wie würde ich mich verhalten? Wie würde ich aussehen? Wie würde ich mich bewegen?

Wenn ich wüsste, dass es Menschen gibt, die mich immer lieben, egal was ich mache und wie ich aussehe, die mich immer auffangen und denen ich immer blind vertrauen kann, wie würde ich dann mit anderen Menschen umgehen? Wen würde ich zu meinen Freunden zählen und was würde ich für sie tun?

Diese unschuldige, zutiefst ehrliche Sicht der Dinge müssen wir als Erwachsene wieder erlernen. Wir müssen uns zwingen, manchmal irrationale Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen. Wir müssen Vertrauensvorschüsse geben und lernen, uns nicht zu schämen, wenn wir tanzen, lachen und uns riesig über Kleinigkeiten freuen.

Artikel von Dominik Radl



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