Wie du ein guter Zuhörer wirst

Wie du ein guter Zuhörer wirst
Ich höre gerne zu, wenn mir jemand etwas erzählt. Nicht nur, weil ich früher gelernt habe, dass sich das so gehört, sondern weil ich es liebe. Menschen, die mir etwas erzählen wollen, bereichern mich. Und ich kann mit meinem Zuhören sie und unsere Freundschaft bereichern. Ich bin sicher nicht der beste Zuhörer, aber ich bin mir bewusst, dass man zuhören lernen kann und üben muss.

Oft fällt es uns nicht leicht, dem Erzählenden in einer Unterhaltung unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Kennst du diese Situation, wenn dir jemand etwas erzählt und ein kleiner Anstoß dafür sorgt, dass deine Gedanken abschweifen? Was überbleibt ist ein Gesichtsausdruck von »scheinbar interessiert« bis »völlig ausdruckslos« und ein verstörter Gesprächspartner.

Ein weiterer Fall, der mir immer wieder passiert ist, dass mir jemand etwas erzählt und ein bestimmtes Stichwort dafür sorgt dass ich etwas über dieses Thema erzählen möchte. Das Problem bei diesem Verhalten ist, dass ich das Anliegen des Erzählers nicht ernst nehme, sondern ausschließlich auf mich projiziere.

Jedem Zuhören geht ein Sprechen voraus

Der erste Schritt ein guter Zuhörer zu werden ist, sich in den Sprechenden hineinzuversetzen. Denke eine Weile darüber nach, warum jemand mit dir spricht. Nimm die letzten Unterhaltungen, die du mit unterschiedlichen Menschen hattest als Beispiel und analysiere sie.

Häufig sind Unterhaltungen eine der folgenden Arten:

  • Zeitvertreib. Die Unterhaltung dient hauptsächlich dazu, Stille zu verhindern. Diese Art des Gesprächs handelt meistens vom Wetter, dem aktuellen oberflächlichen Befinden oder etwas negativem, wie dem Straßenverkehr, Smartphones oder der Politik. Dem Gespräch fehlt es an Tiefe, was oft an der Beziehung zwischen den Gesprächspartnern liegt.
  • Informationstransfer. Dem Sprecher ist es ein Anliegen, bestimmte Informationen an den Zuhörer zu bringen. Oft sind diese Gespräche nicht sehr emotional und tiefgründig, sollen aber einen bestimmten Zweck erfüllen.

Diese zwei Arten der Unterhaltung kommen sehr häufig vor. Es sind aber nicht unbedingt diese Arten, die nach einem guten Zuhörer verlangen. Gespräche zwischen Menschen können noch viel mehr als nur die Zeit zu vertreiben und trockene Information zu transportieren.

  • Der Erzähler braucht jemanden, der zuhört. Oft missverstehen wir unsere Rolle als Zuhörer. Wir sind darauf aus immer mit einer passenden Antwort aufwarten zu können, Tipps zu geben oder die Situation zu bewerten. Während der Erzählung rattert unser Gehirn, wie wir am besten auf diese oder jene Situation reagieren sollen. Manchmal braucht man als Erzähler aber nur eine Person, die zuhört. Das bedeutet nicht, gar nichts zu tun. Aktives Zuhören ist ein respektvolles Spiel mit Nuancen.
  • Der Erzähler möchte verstanden werden. Manchmal bringen uns Gedanken mental in eine Position, in der wir uns alleine fühlen. Nach außen zu gehen und seine Gedanken in Worte zu fassen, sie »an den Mann zu bringen« kann befreiend sein. Sich verstanden zu fühlen ist ein schönes Gefühl, für das du als Zuhörer sorgen kannst.
  • Der Erzähler hat eine andere Intention. Vielleicht verfolgt der Erzähler ein anderes Ziel, aber traut sich nicht, sofort damit herauszurücken. Ein Gespräch, in dem man das Gefühl hat, verstanden zu werden, ohne bewertet zu werden schafft eine vertrauensvolle Basis. Wenn das Vertrauen groß genug ist, wird der Erzähler mit seinem eigentlichen Anliegen an dich herantreten.

Auch wenn diese letzten drei Arten von Gesprächen wie Grenzfälle oder Therapiegespräche wirken, so lassen sie sich trotzdem auf die meisten Fälle anwenden. Verstanden werden zu wollen muss nicht mit Krisensituationen zu tun haben. Möglicherweise ist jemandem das Mittagessen misslungen und jetzt ist die Person deprimiert. Auch Stress in der Schule, Universität oder Arbeit sind häufige Gesprächsthemen, die es ernst zu nehmen gilt.

Wie ich versuche, aktiv zuzuhören

Aktives Zuhören klingt wie eine neue Technik des Zuhörens. Damit möchte ich aber nur den Unterschied zwischen dem üblichen leeren Blick und einem gelegentlichen »Aha« zu wirklichem, aufrichtigem und nützlichem Zuhören darstellen.

Hier sind einige Punkte, die mir wichtig sind, wenn ich etwas erzähle und die mir helfen, anderen Erzählenden respektvoll zu begegnen.

  • Ich versuche, zu verstehen. Wenn ich zuhöre, nehme ich Anteil an den Geschichten jemandes anderen. Zu versuchen, wirklich zu verstehen, was die Person erzählt lässt mich als Zuhörer wesentlich tiefer und aktiver in das Gespräch eintauchen.
  • Ich versuche, nicht sofort zu reagieren. Ich bemerke, dass ich oft schon während eines Gesprächs nach einer passenden Antwort oder Reaktion darauf suche. Wenn ich darüber nachdenke, ist das nicht aufrichtig. Ich verbringe die Zeit, die ich eigentlich für den Erzählenden da sein sollte damit, mir meine eigenen Gedanken darüber zu machen und warte nur noch darauf, bei der nächsten Atempause damit herauszurücken. Wenn eine Antwort oder Reaktion von mir erwartet wird, kann ich mir immer noch herausnehmen, einen Moment inne zu halten und darüber nachzudenken.
  • Ich versuche, mich mit meiner ganzen Präsenz auf mein Gegenüber einzulassen. Jemand, der mir etwas erzählt, sollte auch bemerken, dass ich aktiv zuhöre. Ich nehme auch körperlich Anteil an der Geschichte, versuche mein Interesse mit meiner Körpersprache auszudrücken.
  • Ich versuche, Nuancen zu erkennen und anzusprechen. Oft fällt es als Erzählender nicht leicht, alles, was man fühlt in Worte zu fassen. Manchmal wirft der Ausdruck in der Stimme oder die Veränderung der Körperhaltung ein anderes Licht auf das Gesprochene. Ich versuche, diese Nuancen aufzugreifen, um den Erzählenden besser zu verstehen.
  • Ich versuche, Blickkontakt zu halten. Jemandem direkt in die Augen zu schauen hört sich leicht an, ist aber sehr schwierig. Als jemand, der weder in Kommunikation oder Gesprächsführung, noch in NLP oder sonstigen Techniken ausgebildet ist, fällt mir auf, dass es einer Menge Vertrauen bedarf, jemandem längere Zeit direkt in die Augen zu schauen. Es gibt wohl kein intensiveres Zeichen für Anteilnahme und Aufmerksamkeit.
  • Ich versuche, Geduld zu haben. Eile oder Stress sind schlechte Begleiter aufrichtiger Gespräche. Sich auf das Gegenüber einzulassen heißt, Geduld zu üben. Es ist nicht in unserer Macht, jemanden schneller oder konkreter sprechen zu lassen, wir können ihn nur akzeptieren.
  • Ich versuche, nicht zu vergleichen. Was für den Zuhörer oft logisch und hilfreich erscheint, hilft dem Erzähler meistens gar nicht. Jemandem zu sagen, dass man genau wüsste, wie es ihm gehe, weil man selbst eine ähnliche Situation kenne wirkt manchmal respektlos. Wir können nicht wissen, wie sich jemand fühlt, wenn wir ihm nicht aufrichtig zuhören. Es gibt garantiert Unterschiede zwischen den Situationen und selbst wenn die Situationen scheinbar identisch sind, ist die emotionale und mentale Ausgangsbasis eine andere. Anteilnahme bewirkt oft mehr als rationales Bewerten.
  • Ich versuche, nachzufragen. Wenn ich etwas nicht verstehe, Zusammenhänge nicht herstellen kann oder einfach mehr wissen möchte, frage ich nach. Fragen machen das Gespräch mehrdimensional. Selbst wenn ich Zuhörer bin, kann ich mich durch Fragen in das Gespräch einbringen.
  • Ich versuche, mir etwas zu merken. Beim nächsten Mal noch über das Thema bescheid zu wissen und anknüpfen zu können zeigt dem Gesprächspartner Respekt. Du lässt, was er erzählt, in dein Leben und bewahrst es auf. Das ist gar nicht so einfach.

Was wir vom Zuhören lernen können

Zuhören bereichert nicht nur den Gesprächspartner und die zwischenmenschliche Beziehung. Es bereichert auch uns selbst. Je mehr und intensiver wir zuhören, desto mehr lernen wir über uns selbst, über den Gesprächspartner, über Kommunikation, über Gefühle und über das Gesprochene.

Im Bewusstsein des Leides, das durch unachtsame Rede und durch die Unfähigkeit, anderen zuzuhören, entsteht, gelobe ich, liebevolles Sprechen und aufmerksames, mitfühlendes Zuhören zu entwickeln, um meinen Mitmenschen Freude und Glück zu bereiten und ihre Sorgen lindern zu helfen.

– Thich Nhat Hanh

Zuhören ist eine Achtsamkeitsübung. Unsere Aufmerksamkeit auf eine Sache zu richten will gelernt sein. Deshalb übe ich. Meditieren, lesen, zuhören und viele weitere Tätigkeiten im Alltag können die Fähigkeit schulen, die ganze Aufmerksamkeit bewusst auf eine Sache zu richten.

Ein aufmerksamer Zuhörer zu sein ist von unschätzbarem Wert für eine Freundschaft oder Beziehung. Wenn einmal eine Situation nicht läuft, wie du es dir wünscht, versuche einmal, nicht nur zu sprechen, sondern auch zuzuhören.

Danke

Ich will mich aufrichtig dafür bedanken, dass du bis hierher gelesen hast. Was auf einen aufmerksamen Zuhörer zutrifft, das trifft genauso auf einen aufmerksamen Leser zu.

Ich würde mich freuen, in einen Dialog mit dir zu treten. Erzähle mir, was du von meinem Artikel über aktives Zuhören hältst und ich verspreche, ein offenes Ohr dafür zu haben.

Während ich versuche, Situationen aus meiner Erfahrung zu reflektieren und daraus Lehren zu ziehen, um mein und dein Leben einfacher zu machen, lerne ich doch am meisten durch die Kommunikation.

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Artikel von Dominik Radl



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