Was ist Achtsamkeit?

Was ist Achtsamkeit?
Wer sich mit Achtsamkeit beschäftigt, beschäftigt sich mit seinem ganzen Leben. Diese Praxis, ursprünglich bekannt aus den beiden Lehrreden »Anapanasati Sutta« und »Satipatthana Sutta« des Buddha, als »Mindfulness« betitelt vom buddhistischen Mönch Thich Nhat Hanh und in den 1970er–Jahren in der westlichen Welt aufgegriffen von Jon Kabat-Zinn (MBSR – Mindfulness–Based Stress Reduction) hat es in sich. Was genau für mich dahinter steckt möchte ich dir beschreiben.

Bewusste Aufmerksamkeit

Unser Hirn ist in der Lage, erstaunliche Mengen an Information zu speichern. Diese Information, zum Beispiel Erfahrungen, Erinnerungen oder aktuelle Tätigkeiten, bilden ein riesiges Feld in unserem Geist.

Die Funktion unserer Aufmerksamkeit ist der einer Taschenlampe sehr ähnlich (diesen Vergleich habe ich aus einem Vortrag des Hindu–Priesters Dandapani. Sie richtet sich auf einen Teil unseres Geistes und macht ihn für uns »sichtbar« – also »erlebbar«.

Wenn ich dich bitte, an deinen ersten Schultag zu denken, dann verändere ich etwas in dir. Ich habe die Möglichkeit, deine Aufmerksamkeit zu lenken. Du kennst vielleicht das Beispiel des blauen Elefanten – einmal angesprochen, wird es dir nicht möglich sein, nicht an blaue Elefanten zu denken.

Nun, wenn es mir mit ein paar Wörtern möglich ist, deine Aufmerksamkeit zu lenken, warum fällt es dann vielen Menschen so schwer, selbst ihre Aufmerksamkeit zu lenken? Wenn wir unsere Aufmerksamkeit wie den Schein einer Taschenlampe richten können, warum können wir ihn dann beispielsweise nicht ausschließlich auf unsere Arbeit richten?

Das können wir, aber diese Fähigkeit will gelernt sein.

Achtsamkeit bedeutet, unsere Aufmerksamkeit bewusst auf die Gegenwart zu richten.

Aufmerksamkeit auf die Gegenwart richten

Der Schein der Taschenlampe fängt alles ein, was jetzt gerade passiert. Das bedeutet, dass wir das Leben und seine Vergänglichkeit in jedem Moment auf allen Ebenen in uns aufnehmen.

Das würde es zumindest im Idealfall bedeuten. Wahrscheinlich sind wir alle keine Meister der Achtsamkeit – das müssen wir auch nicht. Ich halte es für sinnvoller, die Achtsamkeitspraxis als etwas Fortwährendes – ohne festes Ziel – zu sehen. Die ständige Übung. Besser zu werden, aufmerksamer zu werden, achtsamer zu werden.

Achtsamkeit bedeutet nicht nur, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu richten. Achtsamkeit bedeutet, die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Art und Weise auf den aktuellen Moment zu richten.

Wir begegnen jedem Moment auf allen Ebenen mit Akzeptanz, Wohlwollen und so wertfrei wie möglich. Wir versuchen, nicht zu kategorisieren und begegnen jedem Moment offen. Der »Anfänger–Geist« ist eine Praxis aus dem Zen–Buddhismus, die uns lehrt, jeden Moment ohne Vorurteile, mit Neugier, Begeisterung und Faszination – also wie ein Anfänger oder ein Kind – zu erleben.

Des Bewusstseins bewusst sein

Lass uns noch eine Ebene tiefer in die Achtsamkeitspraxis denken. Achtsamkeit bedeutet, sich des Bewusstseins bewusst zu sein. Das ist ganz wichtig, denn dann sind wir in der Lage, absichtsvoll Erfahrungen zu machen. Wir machen also die Erfahrung des »Erfahrung machens«.

Wenn uns etwas widerfährt, das uns traurig macht, dann machen wir eine Erfahrung. Wir verknüpfen das Geschehene mit bestimmten Emotionen. Begegnen wir der Situation achtsam, so machen wir die unvoreingenommene Erfahrung, eine Erfahrung zu machen.

Das bewusste Bewusstsein ist ein sehr wichtiger Punkt in der Achtsamkeitspraxis. Meiner Meinung nach ist es die Möglichkeit, jeden Moment neu zu entdecken, sich wieder und wieder über etwas freuen oder für etwas begeistern zu können. Wenn es eine Praxis gibt, die das Leben umgehend intensiver und ganzheitlicher macht, dann ist es die Achtsamkeitspraxis.

Was bringt Achtsamkeit?

Achtsamkeit scheint sehr viel mit dem gegenwärtigen Moment zu tun zu haben. Sie wirkt aber viel weiter. Sie verändert nachhaltig unser Denken, unser Fühlen und unseren Umgang mit äußeren und inneren Einflüssen.

Wenn du feststellst, dass das Leben endlich ist, fängst du an, das Meiste daraus zu machen.

– Dandapani

Der wertfreie und offene Zugang zu allem, was passiert, verändert unseren Umgang. Um bei dem vorher genannten Beispiel zu bleiben: Wenn uns etwas Trauriges widerfährt, machen wir eine Erfahrung. Durch den achtsamen Umgang mit dieser Erfahrung, begegnen wir der Situation wertfrei, offen, neugierig, mit Akzeptanz und Wohlwollen.

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Trauer wegrationalisieren. Wir können immer noch traurig sein und weinen. Aber wir stellen fest: »Hey, ich bin jetzt wirklich traurig. Dieses Erlebnis verändert etwas in mir. Es fühlt sich körperlich anders an. Ich spüre mich. Was genau spüre ich? Wie gehe ich damit um?«

Wenn wir soweit sind, solchen Situationen achtsam zu begegnen, dann fällt es uns auch wesentlich leichter, irgendwann loszulassen. Das gilt nicht nur für Trauer, sondern auch für Unzufriedenheit, Enttäuschung, Süchte und Erwartungen, aber auch für Freude, Glück und Begeisterung.

Unsere Reaktion auf unvorhergesehene Ereignisse verändert sich. Wir nehmen äußerliche Einflüsse anders wahr. Es ist uns möglich, das Bedürfnis abzulegen, alles sofort als gut oder schlecht zu bewerten. Es ist, was es ist. Ebenso können wir auf innere Einflüsse reagieren. Auf Gefühle und unser körperliches und geistiges Empfinden.

Die Achtsamkeitspraxis lässt unseren Geist zur Ruhe kommen. Wir sind nicht immer in einem reaktiven Zustand. Wir müssen nicht immer bewerten und einteilen. Dieser Drang erzeugt Stress in uns und ist oft Grund dafür, dass wir nicht authentisch sind.

Wenn wir bewusst und vorurteilsfrei Leben, brechen wir aus dem Leben im Autopilot aus. Wir sind ganz da und nehmen jeden Moment in uns auf. Nichts geht spurlos an uns vorüber, wir sind Teil des Ganzen.

Achtsamkeit und ein erfülltes Leben

Hast du schon einmal Urlaub gemacht und danach das Gefühl gehabt, du hättest ihn eigentlich nicht so richtig erlebt? Das liegt nicht daran, dass der Urlaub zu kurz war. Es liegt auch nicht am Wetter und vor allem liegt es nicht am Preis des Hotels, an der Qualität des Essens oder der Nähe zum Meer.

Du kannst einen erfüllten Urlaub auch zuhause machen. Worauf es ankommt, ist das Gefühl. Durch Achtsamkeit erlebst du jeden Moment intensiv und bewusst. Du kostet jede Nuance aus.

Etwas wirklich zu erleben bedeutet, voll und ganz da zu sein. Erinnerst du dich noch an den Anfänger-Geist? Versuche, deinen Urlaub zu erleben, als hättest du noch nie Urlaub gemacht. Und dann versuche, deinen Alltag zu erleben wie einen Urlaub, den du noch nie gemacht hast.

Wer vollends leben will, muss achtsam leben.

Ich habe das Gefühl, durch Achtsamkeit ist es möglich, mehr zu leben, intensiver zu leben, ehrlicher zu leben, authentischer zu leben. Als ich an einer chinesischen Teezeremonie teilgenommen habe, hat die Meisterin auch über Achtsamkeit gesprochen.

Sie hat darüber gesprochen, eine Sache zu machen. Einer Sache die volle Aufmerksamkeit zu widmen, voll und ganz da zu sein. Bei einer Teezeremonie wird einem dieses Verhalten bewusst. Alle Teilnehmer sind still und präsent. Der Tee wird langsam und mit höchster Aufmerksamkeit zubereitet.

Dann hat sie einen Satz gesagt, der noch einige Zeit widergehallt hat: »Wer lange leben will, muss langsam leben.« Ich will diesen Satz noch ergänzen: »Wer vollends leben will, muss achtsam leben.«

Lebst du voll und ganz?

Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, ob du dein Leben voll und ganz mit allen Sinnen genießt? Kannst du dir ein Leben vorstellen, in dem sich jeder Tag wie Urlaub anfühlt? Nicht, weil du nicht arbeiten musst, sondern weil jeder Moment und jede Erfahrung aufregend und neu sind?

Wenn du mehr über Achtsamkeit wissen möchtest, empfehle ich dir, in die supersimpel–Community zu kommen. Dann wirst du jede Woche von mir über neue Artikel informiert. Um gleich weiterzulesen empfehle ich dir folgende Artikel:

Artikel von Dominik Radl