10 Dinge, die mich eine chinesische Teezeremonie über das Leben gelehrt hat

10 Dinge, die mich eine chinesische Teezeremonie über das Leben gelehrt hat
Vergangenes Wochenende habe ich an einer chinesischen Teezeremonie teilgenommen. Was sich anhört wie das zeremonielle Zubereiten von Tee hat sich als wertvolle Lebensschule herausgestellt. Wie die Zeremonie abgelaufen ist und was ich dabei über das Leben gelernt habe, möchte ich mit dir teilen.

Vor der Zeremonie wusste ich so gut wie nichts. In einer E–Mail stand, wir müssten eine Viertelstunde vor Beginn der Meditation im Teehaus sein, es sei zu schweigen und wir sollten ein zweites Paar Socken für den Teeraum mitbringen. Dann würde zweimal eine halbe Stunde meditiert und anschließend die Zeremonie durchgeführt.

Mit dieser spärlichen Information und einem zweiten Paar Socken trafen also ungefähr zehn Leute am Sonntagmorgen im Teehaus Artee in Wien ein. Dort hatte es eine auffallend angenehme Atmosphäre. Die Temperatur war nicht zu hoch, es lag der leichte Duft von Räucherstäbchen im Raum.

Etwa vier Stunden später verließen wir das Teehaus wieder und ich war in einem veränderten Zustand. So viel, worüber ich nachdenken konnte oder musste. Ich habe so viel gelernt, so viel erfahren. Eine Teezeremonie ist nicht einfach nur das Zubereiten von Tee.

Hier sind zehn Dinge, die ich im Teehaus über Meditation, Tee und das Leben gelernt habe:

1. Der Zen–Meister mit dem Bambusstab lauert überall

Achtsamkeit, oder die ungeteilte Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Moment, ist sowohl in der Meditation als auch in der Teezeremonie das höchste Gebot. Wir sind dazu angehalten, genau eine Tätigkeit auszuführen. Diese aber gewissenhaft und mit höchster Aufmerksamkeit.

Aus Filmen kennen wir die alten Zen–Meister, die ihren Schülern mit dem Bambusstock auf den Rücken schlagen, wenn sie nicht gerade sitzen. Vielleicht ist das in manchen Klöstern und Tempeln wirklich so, ich habe allerdings eine andere Form dieser Zen–Meister erlebt.

Der Teeraum ist durch einige Stufen von der Verkaufsfläche getrennt. Weil der Teeraum mit Tatami–Matten ausgelegt ist, ist die letzte Stufe nur wenige Zentimeter hoch. Achtsame Praxis wäre, jede Stufe wahrzunehmen und bewusst den Teeraum zu betreten.

Neugierig wie ich bin, versuche ich natürlich bereits beim Heraufkommen die Ästhetik des Raumes zu bewundern. Da war er schon, der Zen–Meister, und sorgt dafür, dass ich mir die Zehe an der letzten Stufe stoße. Später habe ich bemerkt, dass es nicht nur mir so ging. Von den erfahrenen Schülern ist das allerdings niemandem passiert.

Der zweite Tee wurde in einer kleinen Tasse serviert, in der eine zweite Tasse umgekehrt stand. Wie ein Häubchen, das man abnehmen muss, um den Tee trinken zu können. Diese Angelegenheit ist allerdings recht wackelig.

Wer sich nicht ausschließlich auf das Annehmen der dargebotenen Tasse konzentriert, sondern sich währenddessen verbeugt oder mit den Gedanken woanders ist, riskiert ein Eingreifen des unsichtbaren Zen–Meisters – in Form eines Umkippen der Tasse.

Er scheint überall zu sein und zeigt es uns deutlich, wenn wir unachtsam sind.

2. Stille ist ein strenger Lehrer

Das Teehaus wurde schweigend betreten. Wenige Worte wurden getauscht, um uns zu zeigen, wo wir unsere Schuhe, Taschen und Jacken abzulegen haben und dass wir jetzt saubere Socken anziehen sollen, mit denen wir den Teeraum betreten.

Ohne Worte wurde uns klargemacht, wo wir zu sitzen haben. Ohne Worte begann die erste Meditation. Dreißig Minuten später standen wir ohne Worte auf und ich war kurz davor zu fallen. Mein linkes Bein war eingeschlafen und ich hatte keine Möglichkeit, es zu bewegen. Die ersten Worte der Meisterin waren weise, humorvoll und wahr:

Es ist nicht so schwierig, still zu sitzen. Viel schwieriger ist es, mit wachen Beinen aufzustehen

Ohne Worte gingen wir drei Runden im Raum. Hintereinander und mit gefalteten Händen vor der Brust. Ohne Worte nahmen wir wieder Platz. Dann begann der erste von zwei Monologen, die die einzigen gesprochenen Worte während des gesamten Vormittags waren. Die Meisterin sprach über Meditation, den Zen–Weg und wie wichtig die korrekte Ausführung war.

Stille zwingt dich, aufmerksam zu sein. Stille zwingt dich, alles wahrzunehmen und aufzunehmen, was sich ereignet. Stille zwingt dich, still zu sein. Du bist unter Menschen, aber auf dich alleine gestellt. Du lernst, während du schweigst, du schweigst, während du lernst.

Die Meisterin erzählt uns, wieviel man in einem Kloster lernen kann. Sie erwähnt aber auch, dass viele Menschen die gesprochene Sprache des Landes überhaupt nicht beherrschen. Wie soll es also möglich sein, so viel zu lernen, wo doch nicht gesprochen wird? Ich kann es nicht erklären, aber auf eine strenge, selbstreflektierte Art ist es möglich.

3. Strenge Regeln ermöglichen große Freiheit

Strenge Regeln und große Freiheit scheinen nicht zusammen zu passen. Ich möchte dir erklären, warum ich das so empfunden habe.

Bei der Teezeremonie unterliegt jeder Handgriff bestimmten Regeln. Alles hat seine Ordnung und seinen Ablauf. Ich konnte beobachten, wie jede Tätigkeit, die mit dem Herrichten von Utensilien zu tun hat mit der rechten Hand ausgeführt wurde. Alles, was mit dem Abbau von Utensilien zu tun hat, wird mit der linken Hand ausgeführt. Der Zeremonienmeister und jeder Gast weiß, wie er sich zu verhalten hat.

Diese Regeln scheinen vorerst übertrieben und einschränkend. Die Zeremonie wird allerdings so oft geübt, bis alle Tätigkeiten in Fleisch und Blut übergehen. Die Regeln sorgen dafür, dass alles routiniert abläuft. Einzelne Handgriffe werden nicht in Frage gestellt, Entscheidungen müssen nicht getroffen werden, da sie bereits getroffen wurden.

Diese Strenge lässt abseits der vielen Regeln Raum für Freiheit und Genuss. Der Kopf ist nicht damit beschäftigt, zu fragen, welche Hand denn jetzt am praktischsten wäre. Der Kopf ist frei, den Tee zu genießen, den Moment zu genießen.

Die Sinne sind geschärft, der Geist hellwach. Es gibt nur dich und den Tee. Zuerst riechen, dann einen Schluck nehmen. Schmecken. Einen weiteren Schluck nehmen, etwas länger im Mund lassen. Schmecken. Es gibt nichts, worüber nachgedacht werden muss, alles ist geregelt.

4. Neue Erfahrungen sind es wert, gemacht zu werden

An einem Sonntag aufzustehen und zu einer Teezeremonie zu gehen ist für die meisten Menschen nicht üblich. Es bedeutet, sich bereits am Samstagabend darauf einzustellen. Es bedeutet, früh aufzustehen, wenn alle anderen noch schlafen und um 7:15 Uhr beim Teehaus zu sein.

Ja, jemand wird die Frage stellen, warum du das tust. Du wirst dir auch selbst die Frage stellen, warum du das tust.

Im Teehaus angekommen gilt es, ruhig zu sein. Sich ohne zu fragen darauf einzulassen. Die Türe ist offen, jeder hat immer die Möglichkeit zu gehen. Trotzdem geht niemand.

Neue Erfahrungen bringen uns oft aus unserer Komfortzone. Wir sind mit Regeln und Verhaltensweisen konfrontiert, die wir nicht kennen. Wir begegnen Menschen, die wir nicht kennen. Wir sitzen eine Stunde lang mit verschränkten Beinen und meditieren.

Erfahrungen bereichern unseren Geist, sie vergrößern unseren Erfahrungsschatz. Das Besondere daran ist, dass dieser Erfahrungsschatz nie wieder kleiner werden wird. Wir füttern ihn und er wird immer weiter wachsen. Er wird uns bei jeder Entscheidung und jeder Handlung beeinflussen.

Dieser Erfahrungsschatz ist es wert, ihn zu füttern. Dass Erfahrungen nicht immer nur positiv sind, manchmal sogar schmerzhaft, ist vielleicht der Preis dafür.

5. Meditation, Tee und Leben sind genau das Gleiche

Während der beiden Monologe über Meditation, Zen und das glückliche Leben habe ich bemerkt, dass die Wörter Meditation, Tee(weg) und Leben austauschbar sind.

Alle drei Themen sind eng miteinander verbunden. Alle zwingen uns dazu, uns selbst kennenzulernen, uns selbst zu akzeptieren und Frieden mit uns zu schließen. Sie lehren uns auch, welchen Wert wir als Teil eines Ganzen haben und wie wir mit der Welt um uns herum umzugehen haben.

Alle drei Themen beruhen auf Rücksichtnahme, Achtsamkeit, Einfachheit, Langsamkeit, Aufmerksamkeit und Akzeptanz.

You must accept everyone

Jeden Menschen akzeptieren, wie er ist. Ist das überhaupt möglich? Will ich das? Kann ich das? Vielleicht wirft eine Teezeremonie mehr Fragen auf, als sie beantwortet.

6. Es ist immer genug für alle da

Niemand muss hungern. Niemand muss ohne ein Dach über dem Kopf schlafen. Niemand muss frieren. Es ist immer genug für alle da.

Diese Lehre ist sehr wichtig – beim Teeweg, im Leben und bei der Meditation. Jeder saß auf einem Zabuton, einem 90 mal 90 Zentimeter großen Polster. Auf dem Zabuton befindet sich das Zafu, das eigentliche Meditationskissen. Während der Meditation und während des Teewegs ist die Fläche des Zabuton dein Bereich.

Jeder hat innerhalb der Gruppe seinen Bereich. Er ist genau definiert. Niemand nimmt sich heraus, diesen Bereich zu verlassen und damit in den Raum Anderer einzudringen. Wenn jeder weiß, was ihm zusteht, dann gibt es keinen Mangel und keine Ungerechtigkeit.

Beim Teeweg ist es ein Polster. Bei der Meditation ist es die Aufmerksamkeit. Es gibt genügend Raum für alle, aber niemand nimmt sich heraus, durch Geräusche oder Bewegungen die Anderen bei ihrer Übung zu stören.

Im Leben ist es vielleicht ein Haus, ein Land oder ein Kontinent. Was denkst du, wieviele Ressourcen auf der Welt stehen dir zu? Wieviel Platz, wieviel Geld, wieviele Autos und wieviel Nahrung steht dir zu?

Diese Frage konkret zu beantworten ist schwer. Sie aus dem Herzen heraus zu beantworten, ist viel sinnvoller. Die Annahme, es sei immer genug für jeden da, bringt uns dazu, in Maßen zu leben. Ich möchte nicht mein Essen wegwerfen, nur weil ich zu viel gekauft habe, wenn ich weiß, dass ich damit ein bisschen zum Ungleichgewicht auf der Welt beitrage.

7. Miteinander ist nicht immer einfacher, aber sinnvoller

Miteinander zu meditieren bedeutet, sich einen Raum zu teilen. Es bedeutet, Energien zu teilen und sich zu verbinden. Jeder Praktizierende erscheint mit seinem Päckchen. Jeder hat eine gewisse Last zu tragen. Jeder nimmt Freude, Ruhe, Liebe, aber auch Sorgen, Angst und Zweifel mit.

Der Austausch von Energien passiert auf einer fairen Basis. Bei der Gruppenmeditation helfen die Stärkeren den Schwächeren. Das sorgt wiederum für ein Gleichgewicht. Es bedeutet aber auch, sich darauf einzulassen. Sich an die Regeln zu halten und den anderen ihren Raum zu geben. Niemanden in seiner Achtsamkeit zu stören und präsent zu sein.

Alleine zuhause zu sitzen und zu meditieren ist einfacher. Niemand kontrolliert dich, du kratzt dir die Nase, du wippst hin und her, du wirst ungeduldig. In der Gruppe zu meditieren erfordert mehr Disziplin, aber es hat auch einen wesentlich stärkeren Effekt.

8. Reduktion auf das Wesentliche ist in allen Bereichen das Ziel

Herauszufinden, was notwendig ist und alles andere wegzulassen wohnt sowohl der Meditation, als auch dem Teeweg und dem Leben inne. Die einen nennen es Minimalismus, die anderen »Simple Living«.

Die Meditation ist die absolute Reduktion auf das, was bleibt – unsere Atmung. Wenn wir nichts tun, nicht bewerten und uns nicht bewegen, dann bleibt nur die Atmung. Paradoxerweise öffnet uns genau diese Reduktion auf das absolute Minimum das Tor zu einer neuen Welt der Selbsterkenntnis. Die Meditation ist der Schlüssel zum Geist.

Genügsamkeit bedeutet, nur zu haben, was man braucht. Damit wird es immer genug für alle geben. Die meisten globalen Probleme dieser Welt ließen sich durch Genügsamkeit lösen. Natürlich können wir das nicht in der ganzen Welt forcieren. Aber wir können beginnen – bei uns selbst.

Einfachheit bedeutet, zu erkennen, wer man selbst ist, was der eigene Wert im Universum ist und sein Leben nach dieser Erkenntnis zu richten. In einer Meditationsgruppe reduziert sich jeder auf seine Atmung. Physisch ist der Platz jedes Einzelnen auf 90 mal 90 Zentimeter reduziert. Trotzdem ergänzen sich die Energien aller Anwesenden und bilden somit etwas viel Größeres. Weniger ist mehr.

9. Dankbarkeit für alles

In östlichen Kulturen ist Dankbarkeit, Respekt und Ehrerweisung sehr wichtig. Seinem Lehrer gegenüber, seinen Eltern gegenüber, seinem Arbeitgeber oder seinem Gastgeber gegenüber.

Auch bei der Teezeremonie ist der Ausdruck von Respekt und Dankbarkeit sehr präsent. Wir verbeugen uns beim Betreten des Teeraums, wir verbeugen uns vor unserem Meditationsplatz und vor der Gruppe. Wir verbeugen uns, wenn wir aufstehen. Wir verbeugen uns, wenn Tee nachgegossen wird, wenn die Utensilien serviert oder abserviert werden.

Diese Dankbarkeit gilt der Gruppe, dem Meister, dem Raum und der Situation. Aber wir sind auch dankbar für den Tee. Nach dem letzten Aufguss werden die feuchten Blätter sorgfältig auf einem Teller präsentiert. Der Teller macht die Runde. Jeder berührt den Tee, riecht ihn, manche schmecken ihn.

Wir erweisen dem Tee unsere Dankbarkeit. Wir denken daran, dass er in weiter Ferne gewachsen ist und was dazu notwendig war. Wir denken an die Menschen, die ihn gepflückt und verarbeitet haben und wir denken an den Transport. Wir sind dankbar für die meisterhafte Zubereitung und für den gemeinsamen Genuss.

10. Meditation verbindet

Außer meinem Freund Sebastian waren mir alle Teilnehmer unbekannt. Einschließlich der Meisterin waren wir elf Personen. Alle waren ein bisschen aufgeregt und bereit, zu lernen. Alle sind über die ganze Zeit geblieben. Alle haben geschwiegen.

Ich habe vorhin schon erwähnt, dass bei der Meditation in der Gruppe Energien zu fließen beginnen. Teilnehmern, denen es an etwas bedarf, kommt eventuell mehr Energie zu, sie werden sozusagen positiv beeinflusst, oder »geheilt«. Starke, in sich ruhende Teilnehmer geben vielleicht etwas mehr Energie.

Dieser Austausch sorgt für ein faires Geben und Bekommen. Menschen, die Energien ausgetauscht oder geteilt haben, sind auf einer Ebene miteinander verbunden. Meditation in der Gruppe erzeugt ein vertrautes Gefühl füreinander. So hat es sich zumindest für mich angefühlt.

Die Verbindung findet auf einer Ebene statt und sie bleibt auch auf einer Ebene. Wir sind nicht plötzlich alle befreundet. Wir haben die Möglichkeit, Freunde zu werden, müssen aber nicht. Die meisten von uns haben sich direkt nach der Zeremonie verabschiedet, bedankt und sind gegangen.

Du bist mit deinem Lehrer verbunden. Du musst aber nicht mit ihm befreundet sein, hauptsächlich er soll dich etwas lehren.

Das Verhältnis von einem Schüler zu seinem Lehrer ist auch ein besonderes. Es gibt definitiv auf einigen Ebenen Verbindungen. Sie müssen aber nicht unbedingt befreundet sein.

Das alles bei einer Teezeremonie?

Ja, ich habe dieses Erlebnis sehr intensiv wahrgenommen. Ich war aufmerksam und habe versucht, alle Eindrücke einzufangen. Danach bin ich einige Zeit in mich gegangen und habe darüber nachgedacht, was das alles für mich bedeutet.

Was sagst du dazu? Hast du vielleicht schon eine ähnliche Erfahrung gemacht, auch wenn es keine Teezeremonie oder Gruppenmeditation war?

Wenn du eine neue, intensive Erfahrung machen möchtest und dir selbst ein Stück näher kommen möchtest, empfehle ich dir, zuerst eine Gruppenmeditation zu versuchen. Meditationsgruppen kannst du überall finden. Schwieriger ist es, ein hochwertiges Teehaus zu finden, das Zeremonien anbietet. Ich hatte Glück mit dem Teehaus Artee in Wien.

Für die maximale Selbsterfahrung wird wohl einige Zeit in einem Kloster oder Tempel sorgen – davon kann ich selbst allerdings nicht berichten.

Artikel von Dominik Radl