Die Kunst, Nein zu sagen und dabei kein Egoist zu sein: Die ultimative Anleitung

Die Kunst, Nein zu sagen und dabei kein Egoist zu sein: Die ultimative Anleitung
Ich finde mich ab und zu in Situationen wieder, in die ich nur aus Höflichkeit geraten bin. Ich denke, du kennst das. Oft stelle ich mir die Frage, ob es in Ordnung gewesen wäre Nein zu sagen. Wo ist die Grenze zwischen einem Gefallen und einer Belastung? Ich will dir zeigen, warum du immer wieder Ja sagst und wie du dich in Zukunft vor solchen Situationen schützen kannst, ohne dabei ein Egoist zu sein.

Wie oft hast du dich schon gefragt, warum du nicht einfach Nein gesagt hast? Oft sind wir in Situationen, die uns unangenehm sind oder nicht in unsere Planung passen, nur weil wir es nicht geschafft haben, Nein zu sagen.

Wir erledigen Arbeit für andere, nur weil uns jemand darum gebeten hat, den wir nicht enttäuschen wollen. Oder wir übernehmen alle möglichen Aufgaben, obwohl wir wissen, dass sie eine Belastung sind, nur um nicht egoistisch zu wirken. Das Schlimmste ist, dass wir uns danach immer wieder über uns selbst ärgern.

1. Warum sagst du immer wieder Ja?

Ich glaube, dass es einen Grund gibt, der in fast jeder Situation zutrifft, in der wir Ja sagen, obwohl wir Nein sagen wollen: Angst. Es mag uns beim ersten Nachdenken vorkommen, als liege es an mangelnder Willenskraft, oder einem schwachen Durchsetzungsvermögen, aber ich denke, der Ursprung ist meistens Angst.

  • Angst vor Ablehnung. Du denkst, wenn du dieser Bitte nicht nachkommst, erfährst du Ablehnung von dieser Person. Du denkst, dass die Person dich dann weniger mag, oder sich beleidigt fühlt.
  • Angst, Negativität in eine Beziehung zu bringen. Damit ist jede zwischenmenschliche Beziehung gemeint. Grundsätzlich streben wir nach Harmonie. Du hast Angst, ein Nein könnte die Harmonie gefährden.
  • Angst vor Konsequenzen. Du hast Angst, dass dir die betreffende Person dann auch keinen Gefallen mehr tut. Oder du befürchtest, jemanden zu beleidigen und danach etwas Negatives zu erfahren. Im beruflichen Bereich hast du im schlimmsten Fall sogar Angst um deinen Job oder weitere Aufträge.
  • Angst, etwas zu verpassen. Du hältst es für notwendig, am Ball zu bleiben, obwohl es für dich eine Belastung darstellt. Du denkst, dass du nachher benachteiligt wärst, wenn du jetzt Nein sagst.
  • Angst um deinen Ruf. Du befürchtest, nicht mehr als du gesehen zu werden. Du bist bekannt dafür, hilfsbereit zu sein. Man kennt dich als fürsorglichen Menschen, zu dem man immer mit einer Bitte kommen kann. Bist du das wirklich, oder willst du nur so gesehen werden? Wie hoch ist der Preis und was ist der Nutzen, diesen Ruf aufrecht zu erhalten?

Ich denke, die meisten Situationen lassen sich mehr oder weniger direkt auf eine dieser Ängste zurückführen. Lies dir die Gründe noch einmal durch und überlege dir dann, ob sie es wirklich wert sind, dafür in unangenehme Situationen zu geraten.

Möchtest du dich tage– oder wochenlang über dich selbst und deine aufgezwungene Aufgabe ärgern, weil du Angst hattest, die Harmonie zu stören? Wie kommst du dazu, diesen Preis für scheinbare Harmonie zu bezahlen?

2. Warum du nicht immer Ja sagen solltest

Es ist vollkommen in Ordnung, nicht jeder Bitte nachzukommen. Niemand kann erwarten, dass du jede Aufgabe erledigst und dass du gegen deine Einstellung handelst. Hier sind drei Gründe, warum du öfter Nein sagen solltest:

  • Du solltest dir keine Aufgaben aufhalsen, die dir keine Freude bereiten. Du kannst deine Arbeit nur gut erledigen, wenn du auch dahinter stehst. Arbeit zu machen, die du nicht machen willst sorgt für eine negative Einstellung. Das äußert sich nicht nur in der Arbeit, sondern auch in deinem Befinden, deinem Umgang mit Menschen und deinen Gedanken.
  • Du kannst Menschen helfen – aber du kannst selbst bestimmen wie. Um Menschen zu helfen musst du nicht jeder Bitte nachkommen. Du kannst selbst entscheiden, wie du deine Energie einsetzt, um Menschen zu helfen. Freiwilligenarbeit ist etwas anderes als keine Bitte ablehnen zu können.
  • Du lernst, hinter dir zu stehen. Wenn du für dich selbst entschieden hast, etwas nicht zu wollen, dann stehe auch dahinter. Lerne, dich selbst und deine Meinung zu respektieren, auch wenn das bedeutet, die eine oder andere Bitte ablehnen zu müssen.

3. So findest du heraus, wann du Nein sagen solltest

Du weißt jetzt, dass es nicht nur in Ordnung, sondern möglicherweise gut ist, ab und zu Nein zu sagen. Aber woher weißt du, welcher Bitte du nachkommen sollst und welcher nicht?

Es mag zwar unangenehm sein, für einen kranken Freund in die Apotheke zu fahren, aber du wirst diese Situation wahrscheinlich als wichtig genug erachten. Zumindest beim ersten Mal. Möglicherweise musst du beim dritten Apothekenbesuch wegen leichter Kopfschmerzen auch lernen, Nein zu sagen.

Das Beispiel zeigt, dass jede Situation nach einer eigenen Einschätzung verlangt. Pauschal kann ich nicht sagen, wann es angebracht ist, Nein zu sagen. Vielleicht fällt dir die Entscheidung mit diesen Fragen leichter:

  • Sagst du nur Ja, um eine der Ängste zu vermeiden? Du musst nicht gegen deinen Willen handeln, um Harmonie aufrecht zu erhalten. Wahre Harmonie kann nur durch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit entstehen. Wäge ab, ob deine Ängste in dieser Situation angebracht sind.
  • Will dir jemand Verantwortung aufhalsen, um sie nicht selbst tragen zu müssen? Das ist unfair und respektlos. Einen Menschen auszunutzen, der aus dem Bedürfnis, Harmonie zu erhalten, Verantwortung übernimmt ist schlicht nicht in Ordnung. Entlarve diese Situationen und führe sie dir vor Augen.
  • Will dich jemand manipulieren? Wenn dir jemand eine Aufgabe zuschanzt, weil er weiß, dass du auch einen Gefallen von ihm brauchen könntest, ist Erpressung. Wenn ein Gefallen von Schuld abhängig ist, dann macht es auch keinen Sinn, Harmonie aufrecht zu erhalten oder Negativität zu vermeiden.
  • Sagst du nur Ja, um gebraucht zu werden? Möchtest du diese Aufgabe wirklich machen, oder möchtest du nur gebraucht werden? Du hast viele Möglichkeiten, etwas zu tun, wenn du gebraucht werden willst. Tritt einer Hilfsorganisation bei, oder informiere dich bei lokalen Einrichtungen, wo du helfen kannst. Du musst dich nicht ausnutzen lassen, um gebraucht zu werden.
  • Sag »Ja, voll!« oder »Nein«. Diese Technik kenne ich von Derek Sivers. Er sagt, wenn du eine Bitte oder Anfrage nicht mit »Ja, voll!« (»Hell, yeah«) beantworten kannst, sag lieber Nein. Das trifft natürlich nicht immer zu. Aber es kann dich daran erinnern, ob du eine Aufgabe wirklich aus eigener Motivation heraus annehmen willst. Andernfalls ist ein Nein möglicherweise besser.

Denk daran, dass jede Frage mehr als eine Antwortmöglichkeit hat. Du hast die Möglichkeit, Ja oder Nein zu sagen. Dass die Standardantwort Ja lauten muss, hat sich eingebürgert – das bedeutet nicht, dass Nein immer die Ausnahme sein muss. Jeder Mensch hat Angst vor Ablehnung oder möchte die Beziehung nicht negativ beeinflussen. Nein ist als Antwort genauso zulässig wie Ja.

4. Wie du Nein sagst, ohne egoistisch zu klingen

Wenn du erkannt hast, in welchen Situationen ein Nein angebracht ist, musst du nur noch Nein sagen. Aber wie? Genau hier ist der Punkt, an dem du beeinflussen kannst, wie dein Nein angenommen wird.

Einfach Nein zu sagen und das Thema damit zu beenden wird dein Gegenüber wahrscheinlich verwundern, wenn nicht verärgern. Hier sind ein paar Möglichkeiten, Nein zu sagen und dabei höflich zu bleiben:

  • Nimm dir die Zeit, über deine Antwort nachzudenken. Möglicherweise bist du dir gar nicht sicher, wie du antworten willst. Sag »Ich brauche ein paar Minuten, um über meine Antwort nachzudenken. Ich komme gleich auf dich zurück.« Achte darauf, dann auch wirklich ehrlich darauf zurück zu kommen. Wenn die Antwort Nein ist, fällt es dir jetzt vielleicht leichter, es auszusprechen. Nimm dir nicht immer dann eine Denkpause, wenn du schon weißt, dass du Nein sagen willst – das wirkt unehrlich.
  • Sag Nein und bedanke dich. »Danke, dass du mir diese Aufgabe zutraust, aber ich habe gerade nicht die Energie dafür.« Ein Danke nimmt die Ablehnung aus der Situation und zeigt Wertschätzung am Gegenüber.
  • Sag Nein und zeige Verständnis. »Ich verstehe, dass du das jetzt nicht selbst machen kannst, aber meine Zeit ist sehr begrenzt und ich kann deine Aufgabe gerade nicht übernehmen.«
  • Sag Nein und biete Hilfe an. »Ich glaube nicht, dass ich der Richtige für diese Aufgabe bin, vielleicht kann dir … helfen.« Nutze diese Situation, um zwar die Bitte abzulehnen, aber trotzdem hilfreich zu sein.
  • Begründe dein Nein, aber rechtfertige dich nicht. Es ist ok, wenn du wenig Zeit hast. Es ist auch ok, wenn du dazu keine Lust hast. Nenne den Grund, aber verfange dich nicht in langen Geschichten, die deine Entscheidung rechtfertigen sollen.

Es ist völlig in Ordnung, wenn dein Nein keine Begründung hat. Denk nur daran, dass du dann auch keine Begründung erfindest. Ein Grund kann immer entkräftet werden – wenn du Nein sagst, weil du Nein meinst, kann das niemand entkräften. Sag zum Beispiel nicht, dass du noch einkaufen gehen musst, denn jemand könnte den Einkauf für dich machen.

5. Was tun, wenn du auf Ablehnung stößt?

Wenn der erste Schritt getan ist, wird das Thema wahrscheinlich nicht erledigt sein. Die meisten Menschen tendieren dazu, nachzuhaken, dich überzeugen zu wollen, oder dich durch eine emotionale Reaktion schlecht fühlen zu lassen. Ich kann dir diese Situationen nicht abnehmen, aber ich kann dir meine Gedanken dazu sagen.

  • »Ach, komm schon!«: Mache klar, dass ein Nein ein Nein ist. Das sollte unumstößlich sein. Du hast dir vorher genau überlegt, warum deine Antwort so lautet, also lass dich nicht einfach umstimmen. Sei ehrlich zu dir selbst und zu deinem Gegenüber.
  • Überzeugungsversuche: Es ist möglich, dass dein Gesprächspartner die verschiedensten Überzeugungsversuche startet. Wenn für dich der Grund wirklich darin liegt, zu wenig Zeit zu haben und die Person bietet dir an, dir bei deinen Aufgaben zu helfen, kann das für dich ja durchaus gut sein. Wenn diese Überzeugungsversuche aber nur zum Ziel haben, dich umzustimmen, dann hat das vielleicht einen der folgenden Gründe: 1. Die Person denkt nicht, dass du felsenfest hinter deiner Entscheidung stehst und dass sie dich leicht umstimmen kann, oder 2. Die Person legt einfach keinen Wert auf deine Entscheidung – beide Fälle sind respektlos dir gegenüber und keine gute Ausgangsbasis für einen Gefallen.
  • Vorwurf, du seist egoistisch: Das ist reine Manipulation. Wer ist diese Person, zu beurteilen, welches Verhalten egoistisch ist und welches nicht? Lass dich nicht auf diese Vorwürfe ein, du hast dir Gedanken über deine Antwort gemacht und musst dir so etwas nicht anhören.
  • Ablehnung: Dass sich eine Person beleidigt fühlt, liegt nicht an deiner Entscheidung, sondern an ihrer Erwartungshaltung. Sie hat dich in ihren Gedanken nicht um etwas gebeten, sondern dich zu etwas verpflichtet. Du darfst freie Entscheidungen treffen. Wenn diese Entscheidung wirklich der Grund dafür ist, dass dich jemand weniger mag oder schätzt, dann ist es möglicherweise an der Zeit diese Beziehung zu überdenken.

6. Weitere Gedanken

  • Sag nicht Ja, wenn du dich später herauswinden willst. Das spätere Herauswinden hat meistens mit Notlügen zu tun und ist für beide Beteiligten wesentlich unangenehmer als ein anfängliches Nein.
  • Sei fair. Solltest du dich einmal in der Lage des Bittenden finden, respektiere auch du ein Nein. Bring dein Gegenüber nicht in die unangenehme Lage, sich rechtfertigen zu wollen, oder Notlügen auszudenken – ein Nein muss auch für dich ok sein.
  • Menschen zu helfen ist super! Das bedeutet aber nicht, dass du ein schlechter Mensch bist, wenn du die eine oder andere Bitte ablehnst. Du hast ein gewisses Energiepotential und kannst selbst bestimmen, wie du damit Gutes tun willst.

Eine wichtige Sache möchte ich noch erwähnen: Nein sagen kannst du nicht nur, wenn dich jemand um etwas bittet. Denk an Verpflichtungen in deinem Leben, die du dir nur aus Höflichkeit aufgeladen hast. Diese loszulassen ist ein großer Schritt, wenn du ein einfaches, glückliches Leben leben willst. Denk daran, dass es manchmal besser ist, Nein zu sagen, wenn du dich nicht absolut wohl fühlst. Hier ein paar Beispiele:

  • Mitgliedschaften: Vielleicht bist du Mitglied in einem Verein, aber es fällt dir schwer, regelmäßig hinzugehen. Du möchtest die Menschen dort nicht enttäuschen und bleibst Mitglied – mehr schlecht als recht. Ich selbst war Mitglied in einem Verein für japanische Kampfkunst, obwohl ich nach einiger Zeit sehr wenig Zeit und Energie hatte, die wöchentlichen Trainingseinheiten wahrzunehmen. Manchmal ist ein ehrliches Ja besser, als halbherzige Einheiten in unregelmäßigen Abständen zu absolvieren – in meinem Fall wurde mein Nein nicht nur positiv, sondern sogar wertschätzend angenommen, das war eine schöne Erfahrung.
  • Termine: Hast du regelmäßige Termine, die du wahrnehmen musst, obwohl du das nicht willst? Ein regelmäßiges Treffen mit Bekannten, für das du eigentlich zu wenig Zeit hast und das unbefriedigend ist? Denk darüber nach, ob ein widerwillig wahrgenommener Termin besser ist, als dich einmal von der Pflicht zu lösen.
  • Finanzielle Verpflichtungen: Spendest du an eine Organisation, deren Namen du nicht einmal kennst, weil du damals nicht Nein sagen konntest? Mach dir ein Bild von deinen finanziellen Verpflichtungen und löse dich von allem, was du nicht möchtest. Du kannst dann selbst bestimmen, in welcher Form du Gutes tun willst.
  • Projekte: Du kannst nicht alles auf einmal machen, setze Prioritäten und sage vielleicht zur einen oder anderen Projektidee Nein oder lege sie vorerst auf Eis.
  • Hobbies: Du musst nicht weiter Geigenunterricht nehmen, nur weil man dieses Bild von dir hat. Hobbies sollten uns Energie spenden und Freude machen. Tun sie das nicht, solltest du vielleicht über ein Nein nachdenken.
  • Einkäufe: Überleg dir bei Einkäufen gut, ob du das Produkt wirklich brauchst. Denk ehrlich darüber nach, ob die Motivation für ein Hobby oder eine Gewohnheit nur auf Produkten aufgebaut ist (lies mehr über die Motivationslüge. Wahrscheinlich weißt du selbst, dass beim Einkaufen ein Nein manchmal besser wäre. Diese Situation ist schwieriger, weil du selbst dein Gegenüber bist.
  • Persönliche Beziehungen: Hältst du persönliche Beziehungen aufrecht, obwohl du merkst, dass sie schädlich für dich sind? Überdenke diese Beziehungen. Vielleicht ist ein Nein das, was dich in einer schwierigen Situation weiterbringt.

Kennst du notorische Ja-Sager?

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Wie gehst du mit den genannten Situationen um? Schreib mir einen Kommentar, wenn du Bedenken hast, du eine andere Möglichkeit kennst, höflich Nein zu sagen, oder Nein in anderen Situationen sagst.

Artikel von Dominik Radl