Jeder Tag hat 24 Stunden. Wie schnell lebst du deine?

Jeder Tag hat 24 Stunden. Wie schnell lebst du deine?
Vergangenen Sonntag saß ich nach einer mehrtägigen Wanderung müde im Zug von Oberösterreich nach Wien. In 17 Stunden legten wir an den beiden Tagen zuvor über 25 Kilometer zurück. Der Railjet, in dem wir reisten, schafft das in unter zehn Minuten.

Es war im letzten Monat sehr ruhig auf diesem Blog. Warum genau, das konnte ich mir eine Zeit lang nicht wirklich erklären. Die Zeit zum Schreiben war aus irgendeinem Grund nicht da. Dabei hat doch jeder Tag dieselben 24 Stunden.

Im Railjet wurde mir klar, dass das zwar stimmen mag, aber dass man diese Stunden in unterschiedlichen Geschwindigkeiten erleben kann.

Kurz zuvor hat ein Wegstück von wenigen Kilometern Länge einige Stunden beansprucht. Wer so langsam und konzentriert unterwegs ist, entwickelt ein ganz anderes Gespür für seine Umwelt. Ich habe Blumen entdeckt, die nicht größer als wenige Millimeter waren. Im Nebel war unweit von uns eine Herde Gämsen unterwegs.

Im Zug schießt man, ohne darüber nachzudenken, in wenigen Minuten durch mehrere Bundesländer. So schnell, dass man ein Dorf kaum vom nächsten unterscheiden kann. Unmöglich, seelisch mit dieser Geschwindigkeit mitzuhalten.

Was in den letzten Wochen passiert ist, war wohl eher der Railjet in meinem Leben. Seit einiger Zeit bin ich ganz intuitiv dabei, diese Reise eher zu einer Wanderung zu machen. Ich bin nicht bereit, zugunsten der Geschwindigkeit durch Zwischenstationen zu rasen.

In der letzten Zeit hat sich das durch mehrere Anzeichen manifestiert:

  • Das Wandern hat sich völlig unvorhergesehen zu einem schönen Hobby entwickelt. Es gibt wenige Möglichkeiten, Entschleunigung stärker spürbar zu machen, als durch wandern. Woher diese Entwicklung kommt, weiß ich nicht, aber ich entdecke viel Schönes dabei.
  • Ich habe zusätzliche Projekte reduziert. In meinem Kopf spielt sich immer einiges ab. Da gibt es eine Wagenladung an Projekten, die ich gerne umsetzen will. Jedoch habe ich festgestellt, dass sich die schönen Dinge meist wie von selbst entwickeln – wenn nur der nötige Raum da ist. Ich bin dabei, diesen zu schaffen.
  • Ich mache Urlaub. Was für viele keine Seltenheit ist, ist für mich sehr besonders. In den vergangenen Jahren habe ich fast keine durchgehende Woche Urlaub gehabt. Nicht, weil ich nicht durfte, sondern weil ich das Gefühl hatte, mir diese Zeit nicht nehmen zu können.
  • Ich lese mehr. Wenn ich genau hinsehe, schreit mein Geist in voller Lautstärke, ich solle die Geschwindigkeit reduzieren. Wieso sonst sollte ich plötzlich wieder deutlich mehr lesen? Lesen ist eine wunderbare Art, Schrittgeschwindigkeit zu erreichen.

Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.

– George Orwell

Ein Leben im Schnelldurchlauf mag aufregend sein. Ein Leben im richtigen Tempo ist aber sicher erfüllender.

Kennst du Situationen wie diese? Wie erkennst du, dass du zu schnell unterwegs bist und was tust du, um deine Geschwindigkeit zu reduzieren?

Artikel von Dominik Radl