Präsent sein im Alltag

Präsent sein im Alltag
Unsere Aufmerksamkeit wandert ständig. Wir haben gelernt, mit den vielen Einflüssen im täglichen Leben zurechtzukommen. Wir haben gelernt, ständig sehr vielen Kleinigkeiten einen Teil unserer Aufmerksamkeit zu schenken. Ich denke, das ist eine natürliche Anpassungsreaktion. Allerdings fällt es uns mittlerweile sehr schwer unsere gesamte Aufmerksamkeit auf eine Sache zu konzentrieren.

Was ist Achtsamkeit?

Im Artikel über Meditation habe ich bereits erklärt, dass wir üben, uns in einen achtsamen Zustand zu versetzen. Wir konzentrieren uns nicht zwanghaft, sondern wir widmen unsere ganze Aufmerksamkeit unserem Atem und üben, alles was sonst passiert und jegliche Gedanken einfach hinzunehmen.

Ich halte die Meditationsübung für sehr wirkungsvoll. Aber sie hat einen Nachteil: Für diese Übung schaffen wir ein bestimmtes Umfeld. Wir setzen uns hin, wo wir nicht gestört werden können und üben dort Achtsamkeit. Ich will zwar die Wirkung der Übung nicht relativieren, aber der eigentliche Effekt der Achtsamkeit findet doch in unserem Alltag statt.

Um den Effekt der Meditation über die Zeit der Sitzmeditation hinaus nutzen zu können, haben wir zwei Möglichkeiten:

  1. Wir lernen, die Achtsamkeit, die wir während der Meditation üben auch im Alltag einzusetzen.
  2. Wir üben Achtsamkeit direkt im Alltag.

Die Sitzmeditation kann uns ruhiger und ausgeglichener machen. Zumindest während der Meditation. Der erste Punkt soll heißen, sich im Alltag an diese Ausgeglichenheit zu erinnern und sie in das Leben zu integrieren. Du kannst meditieren so lange du willst, wenn dich im Alltag der geringste Einfluss aus dem Gleichgewicht bringt, macht das wenig Sinn.

Achtsamkeit direkt im Alltag zu üben adressiert genau diesen Punkt. Wir üben Tätigkeiten im Alltag mit unserer vollen Aufmerksamkeit aus. Dadurch lernen wir im Jetzt zu sein. Nicht nur dann, wenn wir meditieren, sondern immer. Durch das regelmäßige Üben von Achtsamkeit richten wir unsere gesamte Aufmerksamkeit auf jeden Aspekt des Moments.

Achtsamkeit und Minimalismus

Jetzt sind wir an einem sehr besonderen Punkt angelangt. Einem Moment, auch wenn er noch so alltäglich ist, unsere ganze Aufmerksamkeit zu widmen, voll und ganz präsent zu sein, macht ihn wertvoll. Der Moment erlangt sogar den höchstmöglichen Wert, den wir geben können – unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.

Hast du dich schon einmal gefragt, ob Minimalisten keine Wertvorstellung haben? Warum gibt es Menschen, die mit 100 Gegenständen oder weniger leben? Ist für diese Menschen nichts wertvoll?

Ich kann nur für mich sprechen und für mich ist genau das der Punkt: Ich habe die Möglichkeit, viel Materielles loszulassen. Mein Leben erhält seinen Wert nicht durch die Gegenstände, die ich besitze. Es erhält seinen Wert durch die Aufmerksamkeit, die ich ihm widme.

Im Gegensatz zu dem Wert, der in Geld gemessen wird, bin ich in meiner Art der Wertschöpfung nicht begrenzt. In meinem Leben kann ein Ausflug an einen schönen Ort so viel Wert erzeugen, dass ich es nicht bezahlen könnte. Aber das muss ich auch nicht – das ist für mich Minimalismus.

Wie übe ich Achtsamkeit im Alltag?

Wie ist all das konkret möglich? Wie kann man seinem Leben Wert geben, der unabhängig von Geld ist? Die Antwort ist überraschend einfach: Lerne, jeden Aspekt deines Lebens wertzuschätzen.

Das kannst du jeden Tag machen. Ich zeige dir anhand eines beispielhaften Tages, was ich meine:

  • Aufwachen: Der Wecker läutet. Es ist dunkel. Du bist müde. Du hast einen anstrengenden Tag vor dir. Du weißt, du hast zu wenig geschlafen und nimmst dir vor, heute früher schlafen zu gehen (klar).
    Versuche stattdessen das: Du wachst auf. Du drehst den Wecker ab und bleibst noch einen Moment liegen. Du kannst dich auch an die Bettkante setzen. Achte darauf, was du hörst. Vögel? Autos? Das Brummen des Kühlschranks? Achte darauf, was du fühlst. Wie fühlt sich dein Körper an? Mit welchen Gedanken bist du aufgewacht? Denke nicht daran, dass du sicher schon neue E-Mails oder Benachrichtigungen hast, sondern nimm kurz den Moment wahr.
  • Kaffee kochen: Du startest die Kaffeemaschine, während du schlaftrunken deine Benachrichtigungen durchgehst. Du reagierst auf erste Ereignisse und schlürfst währenddessen deinen Kaffee.
    Versuche stattdessen das: Widme deine Aufmerksamkeit dem Kaffee. Du kannst später deine Benachrichtigungen checken. Achte auf das Aussehen und den Duft des gemahlenen Kaffees. Beobachte, wie das jetzt durch das Kaffeepulver angereicherte Wasser in Form von schwarzem, starken Kaffee deine Tasse füllt. Schmecke jede Nuance des Getränks und beobachte, was es in dir auslöst.
  • Zähne putzen: Anstatt hastig dein Gebiss zu reinigen und währenddessen gedanklich schon mitten im Tag zu sein, achte darauf, wie du deine Zähne putzt. Beachte jeden einzelnen Zahn und sei präsent. Höre das Geräusch deiner Zahnbürste und fühle die Borsten.
  • Unterwegs: Jetzt geht es entweder mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Arbeit. Du ärgerst dich über den vollen Bus, die langsame Bahn oder den morgendlichen Stau. Um dich abzulenken schreibst du Nachrichten oder liest die Neuigkeiten in den sozialen Netzwerken.
    Versuche einmal, wirklich präsent zu sein. Mit all deinen Sinnen im Moment. Welche Geräusche macht der Bus? Was machen die Menschen um dich herum? Welche Körperhaltung hast du eingenommen? Achtsam zu sein ist sogar in solchen Situationen möglich.
  • Arbeit: Computer und andere moderne Gerätschaften ermöglichen es uns, unzählige Dinge gleichzeitig zu machen. Im Artikel über Singletasking beschreibe ich, warum diese Arbeitsweise nicht nur anstrengend, sondern auch unproduktiv ist. An einer Aufgabe gewissenhaft zu arbeiten ist eine Form der Achtsamkeit.
  • Unterhaltungen: Diesen Punkt halte ich für ganz besonders wichtig. Mir fällt auf, dass viele Menschen verlernt haben, miteinander zu sprechen. Ich meine ein Gespräch, das aus nichts weiter besteht, als zwei Menschen, die einander zuhören und nicht gleichzeitig etwas anderes erledigen.
    Ungeteilte Aufmerksamkeit ist die größte Ehre, die man seinem Gesprächspartner erweisen kann. Wenngleich das doch selbstverständlich sein sollte – das ist es aber nicht. Versuche bei deiner nächsten Unterhaltung nichts anderes zu tun, als ein Gespräch zu führen. Höre, was die Person zu sagen hat und antworte darauf. Achte nicht auf dein Handy, schau der Person in die Augen und beachte nicht, was rundherum passiert.

Sind Smartphones Achtsamkeits-Killer?

Smartphones, mit ihren unzähligen Tönen und Benachrichtigungen, laden natürlich ein, uns aus dem Moment zu reißen. Wir verwenden unsere Smartphones gleich nachdem wir aufwachen, wenn wir einen Kaffee zubereiten und während des Zähneputzens. Dann auf dem Weg zur Arbeit und natürlich auch während unserer Aufgaben in der Arbeit.

Aber Achtung: Smartphones sind dazu gemacht. Sie wurden entworfen, um all das zu können. Smartphones sind nicht böse, sie tun nur, wozu sie entwickelt wurden. Wie wir damit umgehen und wie weit wir unsere Präsenz gegen seichte Information tauschen wollen, ist unsere eigene Entscheidung.

Folgender Versuch kann dir ein neues Bewusstsein für die ständigen Informationen und Benachrichtigungen verschaffen:

  1. Schalte alle Benachrichtigungen und Töne aus.
  2. Plane einen Zeitraum, den du nur dem Smartphone widmest. Lies deine Facebook-Neuigkeiten, aber nimm dir einen ganz konkreten Zeitraum dafür. Das ist gewissermaßen Achtsamkeit am Smartphone.
  3. Immer, wenn du auf eine wichtige Nachricht reagieren musst, setze dich hin. Benutze dein Smartphone nicht stehend oder gehend, sondern setze dich. Das schafft ein neues Bewusstsein, wo du gerade mit deiner Konzentration bist.

Suchst du Ablenkungen?

Wenn du das nächste Mal ein bisschen Zeit hast, achte bewusst darauf, was du automatisch machen möchtest. Ich nehme an, du wirst den freien Zeitraum damit füllen wollen, irgendetwas am Handy oder im Fernsehen anzusehen. Auch wenn es sich nur um ein paar Minuten handelt.

Werde dir bewusst, ob du das machst, weil du etwas konkretes erfahren willst, oder ob du nur deine »ungenutzte« Zeit füllen willst. Lenkst du dich ab, weil es dir unangenehm ist, nichts zu tun? Was würdest du tun, wenn du wirklich gar nichts tun müsstest und auch keine Unterhaltung von außen hättest?

Hinterlass mir doch einen Kommentar mit deinen Erfahrungen zu Achtsamkeit im Alltag.

Artikel von Dominik Radl